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Biebrich 02: Das unfassbare Jubiläum von Horst Klee
08.04.2021 - 00:04 von udo

Horst Klee blickt beim FV Biebrich 02 auf 50 Jahre als Vorsitzender mit Weggefährten wie dem späteren Weltmeister Jürgen Grabowski zurück - und gibt einige Anekdoten zum Besten.

Stephan Neumann: Sportredakteur Wiesbaden

WIESBADEN - Auf dem Esstisch im Zuhause von Horst Klee mit Blick auf den Rhein fallen gleich die Miniatur-Fußballschuhe auf. Klassisch in Schwarz mit weißen Streifen. Es ist ein ganz besonderes Andenken. Der 81-Jährige hebt das winzige Paar an, zeigt auf die Unterschriften auf den Sohlen und erläutert mit strahlendem Blick: "Ein Geschenk von Jürgen Grabowski von der Weltmeisterschaft 1966 in England mit den Unterschriften der deutschen Spieler." Fast 55 Jahre ist das her, als im Finale das legendäre "Wembley-Tor" von Geoff Hurst zum 3:2 den Weg zum 4:2-Finalsieg der Engländer über die vom Wahl-Wiesbadener Helmut Schön trainierte deutsche Elf um Uwe Seeler und Franz Beckenbauer einläutete. Grabowski war bei seiner ersten WM nur dabei, aber nicht im Einsatz. Seine grandiose Laufbahn erfuhr 1974 mit dem Weltmeistertitel im eigenen Land ihren Höhepunkt.

Klee und "Grabi" - die kleinen Schuhe stehen als Symbol für prägende gemeinsame Zeiten, gemeinsame Aufbrüche und Bestmarken. Das begann 1960, als Grabowski bereits vom SV Biebrich 19 zum FV Biebrich 02 gewechselt und Klee, inspiriert durch viele Sportplatzbesuche mit seinem Vater Albert, gerade bei den 02ern als Betreuer der B 2-Jugend eingestiegen war. "Grabi" wurde ab 1965 auf der großen Fußball-Bühne bei Eintracht Frankfurt zum Dauerbrenner und Idol, Klee ist seit seinem Amtsantritt 1971 zu einem Dauerbrenner der ganz anderen Art geworden. Auf den Tag genau führt er an diesem Mittwoch seit 50 Jahren den Vorsitz bei den 02ern - ein Jubiläum, das unweigerlich ein Wort einfordert: Respekt.

Auf die Frage, wie oft er in all den Dekaden ans Hinwerfen gedacht habe, antwortet Klee mit jener Entschiedenheit, die ihn offenbar seit jeher auszeichnet: "Niemals ernsthaft. Weder aus sportlichen Gründen noch aufgrund von finanziellen Problemen. 'Nach mir die Sintflut', das kam für mich nicht infrage." Was er auch auf seine nicht minder treuen Mitstreiter zurückführt. Die verstorbenen Werner Kuhn und Horst Seilberger zählten dazu, bis heute Dieter Zorn, Hartmut Steindorf (seit 1976 Jugendleiter) sowie Klaus Tobies - und viele andere, die sich mit Herzblut einbrachten oder noch immer einbringen.

Mit Klee quasi als Kapitän. Ein offenbar geborener Anführer, der sich jedoch nie als Alleinherrscher oder Selbstdarsteller in Szene setzte - eher schon bekannt durch gelegentliche Temperamentsausbrüche bei den Spielen der ersten Mannschaft. Ein Steuermann, der den Kurs vorgibt, ihn aber mit seiner Vorstandsmannschaft abstimmt. Einer, der kein Manuskript braucht, um Klartext zu reden. Unzählige Sponsoren und Unterstützer hat Klee - auch in Verbindung mit seinem politischen Engagement - mit der ihm eigenen Überzeugungskraft für ein nachhaltiges Engagement bei den 02ern gewinnen können. Verbindungen und Kontakte, die er stets intensiv gepflegt hat. Mit der Maxime: keine Abhängigkeit von einem einzigen Geldgeber und keine roten Zahlen schreiben. Wo er doch die 02er nach ruhmreichen Zeiten in den 1950ern und 1960ern im Jahr 1971 als A-Ligist übernommen hatte - klamm und noch ohne Vereinsheim. "Die ehrenamtliche Arbeit beim Fußball hat mir im ständigen Zusammensein mit jungen Leuten und unterschiedlichen Charakteren sehr viel gegeben", betont er besonders mit Blick auf die seit Jahrzehnten mit Teams aller Altersklassen gespickte Nachwuchsabteilung, die einen Schmelztiegel der Nationalitäten repräsentiert.

HORST KLEE ÖFFNET DAS NÄHKÄSTCHEN UND GIBT EINIGE ANEKDOTEN ZUM BESTEN

Eine überraschende Wahl, ein besonderer Besuch beim ehemaligen Eintracht-Präsidenten Rudi Gramlich und ein Treffen an der Autobahnraststätte, um ein denkwürdiges Spiel zu organisieren: Highlights und Anekdoten gibt es aus 50 Jahren viele. Horst Klee über...

...seine Wahl zum Vorsitzenden: "Im März 1971 wurde Paul Haas zunächst als Vorsitzender wiedergewählt. Um danach zu verkünden, dass er mit Heinz Billo vom SV Wiesbaden und Wolfhorst Wehr von der Germania Gespräche zur Bildung einer Sportgemeinschaft geführt hatte. Darüber waren unsere Mitglieder gar nicht begeistert. Noch am Tag seiner Wahl trat er um 23 Uhr zurück und als Stellvertreter wurde mir angetragen: 'Du musst das jetzt machen'. Trotz meiner Beanspruchung als damaliger Geschäftsführer der Gartenbauzentrale stellte ich mich am 7. April zur Wahl."

...Jürgen Grabowskis ersten Profivertrag: "Mit ihm und seinem Vater Anton sind wir zu Eintracht-Präsident Rudi Gramlich. Er wohnte in einer Villa mit Bar. Alles in Leder, wir waren total geplättet und wussten nicht, ob wir uns hinsetzen durften." Ein Treffen, das zum Wegbereiter von Grabowskis Profivertrag wurde: dotiert mit monatlich 1000 Mark.

...das Gastspiel der Uwe-Seeler-Traditionself am 16. Mai 1984: "Über Jürgen Grabowski kamen wir an Werner Treimetten, den Manager der Traditionself, heran. Unser damaliger Geschäftsführer Bernhard Fuidl hatte großen Anteil, dass alles zustande kam. Es gab ein Treffen auf der Autobahnraststätte Medenbach. 30 000 Mark Gage plus Verköstigung standen im Raum. Unter der Bedingung, dass alle Asse dabei sind, stand für uns fest: 'Das ist ein Renner, wir müssen zupacken'. Es kamen schließlich 7500 zahlende Besucher, plus 500 bis 800 Kinder. Mit über 100 Ehrenamtlichen übernahmen wir die Bewirtung. Nach Abzug der 30 000 blieben für uns über 50 000 Mark übrig. Davon haben wir zwei, drei Jahre gelebt - und waren damals in aller Munde. Einfach einmalig." 9:3 gewannen seinerzeit vor TV-Kameras die Oldies um Uwe Seeler, Sepp Maier, Franz Beckenbauer, Günter Netzer und Wolfgang Overath. Für die 02er waren Jürgen Migge (Tor), Michael Krämer, Werner Tobies, Wolfgang Schardt, Thomas Gröner, Michael Gabel, Horst Kalb, Kurt Glantschnig, Pico Schütz, Gert Kramp, Wolfgang Kopp, Ulrich Just, Holger Gladitz, Bernd Deider, "Zico" Hofmann, Thomas Schöttke, "Hacki" Wawrok, Michael Lauf und Peter Engelhardt dabei.

...die Zukunft des (Amateur-) Fußballs: "Ich bin immer Optimist gewesen und bleibe es auch für die Zeit nach Corona. Der Fußball wird seine Faszination für Kinder und Jugendliche behalten. Die moderaten Vereinsbeiträge spielen sicher auch eine Rolle. Viele Nachwuchsspieler kommen aus Familien, die nicht zu den besser Verdienenden zählen. Als am 9. März die Plätze für die bis zu 14-Jährigen geöffnet wurden, war die Trainingsbeteiligung bei uns so, als wären die Anlagen nie geschlossen gewesen. Keiner hat uns verlassen. Aber man muss abwarten, ob die Kompetenz der Funktionäre erhalten bleibt und sie sich weiter in ihrer Freizeit mit hohem Aufwand für die Vereine einbringen wollen. Für uns stellt sich bei Biebrich 02 die Herkulesaufgabe, Interessenten zu finden, die die Arbeit der Langgedienten fortsetzen. Dabei müssen wir auf die Elternschaft und auf Spieler aus dem Aktivenlager schauen. Da denke ich an verdiente Spieler wie etwa Orkun Zer, wenn er einmal aufhört und womöglich den Trainerschein machen oder sich vielleicht in anderer Funktion engagieren möchte."

Doch jetzt naht der Abschied des Vorsitzenden. Es sei "höchste Zeit", er wolle nicht der "ewige Klee" werden, bekennt er. Noch vor der Sommerpause werde es definitiv eine Jahreshauptversammlung geben, in deren Rahmen er den Stab an seinen bisherigen Stellvertreter Heinz-Jürgen Hauzel übergeben wolle. Eine Wachablösung, die bereits für den Mai 2020 vorgesehen war, bevor die Pandemie alles veränderte. "Corona hat letztlich für mein 50. Jahr als Vorsitzender gesorgt", sagt Klee und versichert: "Ich werde dem Verein verbunden bleiben. Wenn ich gebraucht werde, stehe ich zur Verfügung. Aber nicht mehr im operativen Geschäft."

Doch sein Blick wird auch in Zukunft nicht nur auf dem Fußball ruhen. Die Begegnungen mit dem Dalai Lama in Wiesbaden - auch bei dessen Auftritt im Hessischen Landtag - haben ihn geprägt. "Das Schicksal dieses Volks, das nur Frieden will, liegt mir am Herzen", sagt Klee mit Blick auf Tibet, wo am 10. März 1959 der Aufstand gegen die chinesische Besatzung begann und blutig niedergeschlagen wurde.


Quelle: WK, 07. 04. 2021
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