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Bernd Hölzenbein im Gespräch mit Wolfgang Nadvornik
25.10.2006 von udo

Alpha-Forum-extra: Fußball

Nadvornik: Herzlich willkommen zum alpha-forum. Zu Gast ist heute bei uns eine sehr lebendige Legende des deutschen Fußballs, gerade im Jahr 2006 mit der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland. Unser Gast weiß, wie es sich anfühlt, im eigenen Land Weltmeister zu werden. Herzlich willkommen, Bernd Hölzenbein.

Hölzenbein: Guten Tag.

Nadvornik: Wie viele Journalisten, denen Sie in den letzten Jahren, in den letzten Monaten und Wochen begegnet sind, haben Sie zuerst einmal mit netten Fragen konfrontiert, bis sie dann doch auf die "Schwalbe" oder Nicht-"Schwalbe" 1974 zu sprechen kamen?

Hölzenbein: Das geht jetzt schon seit knapp 32 Jahren so. Direkt nach dem Spiel und auch in den Wochen danach war das überhaupt kein Thema. Ich habe nach dem Spiel mit meinem Gegenspieler Wim Suurbier mein Trikot getauscht, die Holländer haben uns gratuliert und in keiner Zeitung konnte man irgendetwas von einer "Schwalbe" lesen. Erst durch ein Interview, das ich einige Monate später der "Bild-Zeitung" gegeben habe, wurde das plötzlich ein Thema. Der Reporter schrieb nämlich: "Hölzenbein gesteht: 'Ich habe mich fallen lassen'." Das stimmte aber nicht. Ich hatte ihm nur nicht widersprochen, als er mir das während des Interviews in den Mund legte. Ich habe dann auch gleich den nächsten Fehler gemacht, ich habe nämlich eine Klage gegen die "Bild-Zeitung" angestrengt. Die "Bild-Zeitung" musste dann in der Tat eine Gegendarstellung drucken. Und damit erst wurde das so richtig zum Thema. Dadurch kam das noch mehr an die Öffentlichkeit, dadurch wurde Holland auf diese Sache aufmerksam, dadurch hat man in Holland plötzlich gesagt: "Oh, was ist denn das? Sind wir da eventuell verschaukelt worden? Wir sind doch die wahren Weltmeister!" Die Medien aus Holland riefen dann auch bei mir an usw. Das Ganze wurde mit der Zeit zu einem Selbstläufer und im Laufe der Jahre immer mehr zu einem Thema. Ich kann das natürlich schon auch verstehen, wenn man sich diese Szenen im Fernsehen ansieht. Ich habe mich jedenfalls jahrelang dagegen gewehrt, in der letzten Zeit jedoch gar nicht mehr.

Nadvornik: Sie können mittlerweile ganz locker damit umgehen.

Hölzenbein: Ich kann ganz locker damit umgehen. Denn wenn man diese Szenen auch in der Zeitlupe sieht, dann versteht man mich. Dass man das mit einer gut auflösenden Zeitlupe sehen kann, ist ja relativ neu: Früher, auf den alten Videorekordern, konnte man das noch nicht so gut machen. Heute jedoch gibt es die DVD und die Qualität der Bilder darauf ist wirklich topp. Da kann man genau sehen, dass das ein klares Foul gewesen ist. Selbst wenn es keines gewesen wäre, dann wäre es auf jeden Fall eine gut gemachte "Schwalbe" gewesen.

Nadvornik: Heute wird in so einem Fall normalerweise immer ein Elfmeter gegeben, weil alleine schon der Versuch des Verteidigers strafbar ist, wie im Regelwerk ganz klar niedergeschrieben ist. Ich weiß, dass das normalerweise nicht die Art und Weise ist, wie man ein Gespräch anfängt, aber ich wollte damit nur sagen, dass das leider immer das Hauptthema in Bezug auf Ihre Person gewesen ist und nicht der Weltmeistertitel, den Sie ja auch errungen haben. Denn mit dieser Szene sind Sie berühmt geworden und mit ihr werden Sie immer wieder in Verbindung gebracht.

Hölzenbein: Ja, die Gefahr war, dass man als Elfmeterschinder, als Erfinder der "Schwalbe" in die Ecke gestellt und sogar als Betrüger bezeichnet würde. Man hat dann auch noch Vergleiche mit Maradona angestellt. Dagegen habe ich mich jedoch vehement gewehrt: Maradona hat den Ball damals im Spiel gegen England bei der WM 1986 bewusst mit der Hand gespielt. Das kann man nicht vergleichen mit der Szene zwischen mir und Wim Jansen 1974. Das, was Maradona gemacht hat, war Betrug. Man sieht es ja auf dieser DVD ganz deutlich, dass mein holländischer Gegenspieler zwar versucht den Ball zu treffen, den Ball aber dabei total verfehlt. Ich bin nämlich bereits durch und so trifft er eben mein linkes Bein, meinen linken Fuß. Gleichzeitig grätscht er rein und trifft so auch noch meinen rechten Fuß. Das kann man mit der "Hand Gottes" von Maradona einfach nicht vergleichen. Wie gesagt, ich habe mich lange dagegen gewehrt, immer wieder auf diese Szene angesprochen zu werden. Aber auf der anderen Seite hatte das ja auch keine Nachteile für mich. Im Gegenteil, das hat mich populärer gemacht.

Nadvornik: Sie sind 1946 geboren, um mal ganz am Anfang anzufangen. Das war acht Jahre vor dem "Wunder von Bern". War das mit acht Jahren das erste fußballerische Großereignis, das Sie geprägt hat?

Hölzenbein: Ich muss hier dazusagen, dass mein Vater selbst aktiver und begeisterter Fußballer gewesen ist. Er spielte zwar nicht in den allerhöchsten Ligen, aber er war doch immerhin ein guter und regional recht bekannter Spieler. Aus diesem Grund hat er mich dann auch immer zur Eintracht nach Frankfurt mitgenommen. Ich saß also schon als Kind auf seinen Schultern, wenn wir in Frankfurt im Stadion waren. Diese WM 1954 habe ich selbstverständlich mitverfolgt in dem Dorf, in dem ich geboren bin. Mir ging es da nicht anders als den anderen Kindern damals: Wir sahen zum ersten Mal im Fernsehen ein Fußballspiel! Und dann gleich dieses. Alle, die das damals erlebt haben, erzählen ja ähnliche Geschichten, wie das damals war. Alle schimpften zunächst, als die Ungarn schon nach wenigen Minuten 1:0 in Führung gingen. Und es wurde natürlich gejubelt, als die Deutschen nicht nur den Ausgleich schafften, sondern sogar gewannen. Fritz Walter war damals mein absolutes Idol. Er hat nach der WM 1954 ja auch Bücher geschrieben. Sein Buch "3:2. Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister!", ist eines der legendärsten Bücher überhaupt: Ich glaube, das hatte damals eine Auflage von über einer Million. Ich habe dieses Buch regelrecht verschlungen: Als Kind habe ich das wohl mindestens zwanzig Mal gelesen. Ich habe dieses Buch so oft gelesen, dass ich am Ende das Gefühl hatte, der Fritz Walter kennt mich jetzt auch. Eines Tages habe ich ihn dann, ich war noch ein Kind, selbst mal in Frankfurt gesehen, als er im Bus saß. Ich habe ihn angelacht, den Arm hoch genommen und ihm gewunken. Ich war dann enttäuscht, dass er nicht zurückgewunken hat. Das hatte damit zu tun, dass ich nicht nur seine Bücher, sondern auch seine Gedankengänge haargenau zu kennen glaubte. Es war also eine Enttäuschung für mich, dass er nicht zurückgrüßte. Viel, viel später habe ich ihn dann auch wirklich kennengelernt und fand, dass Fritz Walter ein wirklich außergewöhnlicher Mensch war.

Nadvornik: Haben Sie ihn denn da auf dieses erste Sehen angesprochen und dass Sie dachten, er hätte doch reagieren müssen? Haben Sie ihm also auch mal diese Geschichte erzählt?

Hölzenbein: Ja, ich habe ihm diese Geschichte erzählt. Immerhin ist das eine Geschichte, die ich nie in meinem Leben vergessen werde. Ich weiß noch genau, wie ich ihm als Kind zugewunken und dass ich seine Bücher verschlungen habe. Später, als ich dann selbst schon ein relativ bekannter Fußballer war, habe ich mich dann mal mit Fritz Walter darüber unterhalten. Er hat sich natürlich toll gefreut darüber. Fritz Walter war wirklich ein außergewöhnlicher Mensch.

Nadvornik: Im Vergleich dazu, wie Kinder heute aufwachsen, ging es Ihnen damals natürlich nicht so gut. Sie haben zwar die gleiche Elternliebe genossen wie die Kinder heute, aber man musste als Kind damals wohl viel selbständiger sein als heute. Würden Sie sagen, dass dieser WM-Triumph damals 1954 in Ihrer Kindheit etwas verändert hat, dass er gesellschaftlich und wirtschaftlich etwas verändert hat?

Hölzenbein: Bei mir war es so, dass ich den Fußball aufgrund meines Vaters schon von Anfang an geliebt habe. Wirtschaftlich war das bei uns zu Hause nicht ganz so arg wie bei anderen: Mein Vater hatte nämlich ein Busunternehmen und deswegen ging es uns relativ gut. Ich war auch der Erste im Dorf, der einen eigenen Ball hatte: einen Lederball! Ich habe bis heute dessen Geruch in der Nase! Heute gibt es ja keine Lederbälle mehr, weil sie alle aus Plastik hergestellt werden. Ich habe diesen Lederball damals jedenfalls sogar mit ins Bett genommen. Ich ging natürlich auch jeden Tag mit ihm auf den Sportplatz: Ich war derjenige, der den Ball besaß, und deswegen durfte ich immer mitspielen, auch wenn ich der Kleinste war. Denn sonst wäre ich ja mit meinem Ball wieder nach Hause gegangen. So habe ich damals den größten Teil meiner Zeit auf dem Sportplatz verbracht. Das Interessante dabei war freilich Folgendes. Die Lahn ist ja die Grenze zwischen dem Taunus und dem Westerwald. Gewohnt habe ich im Westerwald, aber der Sportplatz war auf der anderen Seite der Lahn. Das heißt, dieser Sportplatz befand sich im Taunus. Ich habe also als Fußballer den größten Teil meiner Zeit sicherlich im Taunus verbracht. Wir mussten früher am Sonntag natürlich auch in die Kirche gehen. Das war einfach Pflicht. Es kam vor, dass ich einige Male sogar mit Fußballschuhen in die Kirche gegangen bin: um nur ja anschließend keine Sekunde Zeit zu verlieren und gleich anschließend an die Kirche auf den Sportplatz rasen zu können.

Nadvornik: Wichtig war, dass Sie in der Kirche waren, trotz der Fußballschuhe. Ich glaube, das hat Ihnen der liebe Gott mittlerweile verziehen. Sie haben dann bei Ihrem örtlichen Fußballklub mit dem Spielen angefangen und sind immer besser geworden. Können Sie sich noch an den Moment erinnern, als Sie Ihrem Vater und Ihrer Mutter gesagt haben: "Ich werde jetzt Fußballprofi!"?

Hölzenbein: Das war nicht so, in Wirklichkeit war das alles ganz anders bei mir. Ich habe nie daran geglaubt, dass ich eines Tages Profi werden könnte. Ich war immer ein Zweifler, ich habe immer an mir gezweifelt und glaubte daher nicht, dass ich eines Tages mal in einer höheren Klasse spielen würde. Mein Ziel war, in die erste Mannschaft meiner Dorfmannschaft zu kommen, die damals in der A-Klasse spielte. Das war mein Ziel. Mit 17 Jahren kam ich dann auch tatsächlich in die erste Mannschaft und machte dort auch meine Tore. Nach einiger Zeit bin ich deswegen aufgefallen und habe daher auch mal in der Kreisauswahl und dann sogar in der Bezirksauswahl gespielt. Es wurden dann Vereine auf mich aufmerksam, die damals in der Oberliga spielten wie z. B. VfB Gießen. Dort habe ich auch eines Tages ein Probetraining gemacht. Für mich war es dann aber wirklich die allergrößte Überraschung, als eines Tages bei uns zu Hause jemand vor der Tür stand und meinen Vater fragte, ob es möglich wäre, dass ich mal bei Eintracht Frankfurt ein Probetraining mache. Das war mir zunächst einmal ein bisschen suspekt: Mir war das nämlich schon zu weit weg. Aber ich bin dann trotzdem nach Frankfurt gefahren und habe mich auch prompt verfahren in dieser Großstadt. Ich kam eine Stunde zu spät zum Training, es war fast schon zu Ende! Beinahe wäre also meine Karriere daran gescheitert, dass ich mich als Bub vom Land in der Großstadt verfahren hatte. Der Trainer damals, der Ungar Elek Schwartz, hat mir dann aber eine neue Chance gegeben und mich sogar für eine ganze Woche zum Probetraining eingeladen. Anschließend habe ich aber nichts mehr von der Eintracht gehört. Mit einem Mal kam dann aber doch ein Anruf von denen und es hieß, ich sollte doch mal in der Juniorenmannschaft
von Eintracht Frankfurt mitspielen, die ein paar Spiele in Holland absolvieren wird. Das habe ich dann auch getan. Aber ich habe nicht gut gespielt dabei und fuhr vorzeitig nach Hause, denn meine Mannschaft zu Hause hatte ein wichtiges Spiel: Ich verließ also die Eintracht in Holland, fuhr nach Hause und schoss für meine Mannschaft das entscheidende Tor zum Aufstieg. Nach diesem Spiel dachte ich, das Thema "Eintracht Frankfurt" ist für mich wohl beendet. Plötzlich lese ich aber in der Zeitung: "Eintracht Frankfurt verpflichtet für die neue Saison für die Amateurmannschaft Bernd Hölzenbein."

Nadvornik: Sie wussten das gar nicht?

Hölzenbein: Nein, das wusste ich nicht. Ich habe dann in Frankfurt angerufen und gefragt, ob das stimmt. Sie sagten, dass das sehr wohl stimmen würde und dass ich mit meinem Vater vorbeikommen und die Vertragsmodalitäten besprechen sollte. So kam ich zur Frankfurter Eintracht. Ich erreichte ein Ziel, an das ich selbst nie geglaubt hätte. Wie so vieles in meinem Leben ist mir eben auch das geglückt, ohne dass ich selbst daran geglaubt hätte. Ich hätte auch nie geglaubt, dass ich mal Nationalspieler werden würde. Ich glaubte ja noch nicht einmal, dass ich überhaupt in die erste Mannschaft von Eintracht Frankfurt kommen und in der Bundesliga spielen würde. Ich war immer ein Zweifler.

Nadvornik: Vielleicht war das ja auch die richtige Einstellung: immer step by step, immer einen Schritt nach dem anderen zu machen und nicht gleich am Anfang schon drei auszulassen.

Hölzenbein: Man sagt ja, dass das Selbstvertrauen ganz wichtig sei für eine Karriere. Ich bin wohl irgendwie ein Gegenbeispiel dafür. Ich hatte nämlich nie viel Selbstvertrauen. Allerdings, wer weiß, wie gut ich geworden wäre, wenn ich mehr Selbstvertrauen gehabt hätte! Ich habe insgesamt 40 Länderspiele in der deutschen Nationalmannschaft absolviert: Vielleicht hätte ich dann sogar 80 gemacht, wer weiß.

Nadvornik: Wie hat Ihr Vater damals reagiert, als Sie diesen Amateurvertrag bei der Frankfurter Eintracht unterschrieben haben, also bei dem Verein, in dessen Stadion er Sie als Kind auf den Schultern getragen hatte? Wie reagierte er, als ihm bewusst wurde, dass sein Sohn bald selbst auf diesem Rasen spielen würde?

Hölzenbein: Er war sehr stolz. Ob er geglaubt hat, dass ich das eines Tages schaffen könnte, weiß ich nicht, denn es war ja noch ein langer Weg dorthin. Ich habe zunächst einmal ein Jahr lang bei den Amateuren gespielt und erst dann wurde ich hin und wieder in der Profimannschaft eingewechselt. Aber nach zwei Jahren war ich dann doch Stammspieler. Mein Vater war unglaublich stolz auf mich, vor allem nach der WM natürlich. Ich sehe heute noch die Bilder vor mir, die damals ja auch im Fernsehen gezeigt wurden: wie er und meine Mutter da saßen und ich in meinem Heimatverein geehrt und gefeiert und im offenen Wagen durch den Ort gefahren wurde. Es gab einen Empfang in der Festhalle, mein Vater und meine Mutter saßen da und sind fast geplatzt vor Stolz.

Nadvornik: Das kann ich mir vorstellen. Wie lange und wie schwer war denn dieser Weg bei der Frankfurter Eintracht, bis Sie sich bei den Profis in der ersten Mannschaft durchsetzen konnten? Sie kamen ja als Neuer, als Kleiner von den Amateuren: Wie schwierig war das?

Hölzenbein: Das war viel leichter als heute. Neben mir gab es da z. B. noch den Bernd Nickel und den Jürgen Grabowski, der damals zwar schon relativ bekannt, aber halt noch sehr jung gewesen ist. Die Konkurrenz war noch nicht so groß, wir hatten auch nur einen oder zwei Ausländer in der Mannschaft. Einige Mitglieder der Mannschaft waren schon etwas älter und daher nicht mehr ganz so gut in Form. Es war also relativ einfach, in die erste Mannschaft zu kommen. Man musste zwar schon auch was bieten, aber im Gegensatz zu heute, wo ja selbst gestandene Nationalspieler noch nicht einmal Stammspieler sind und bei ihrem Verein auf der Ersatzbank sitzen, war es doch viel, viel einfacher zumindest mal die Chance zu bekommen, eingesetzt zu werden. Wir haben diese Chance immer wieder bekommen, auch wenn das vielleicht nur mal eine Halbzeit lang war. Ich bin damals immer wieder zusammen mit Bernd Nickel in der zweiten Halbzeit eingewechselt worden. Der Trainer im zweiten Jahr bei der Eintracht war ja Erich Ribbeck: Er hat uns ebenfalls gefördert. Insofern lief das für mich damals doch relativ einfach. Es war leichter, als ich mir das davor gedacht hatte.

Nadvornik: Würden Sie denn sagen, dass früher vor allem für die Jugendlichen vieles besser gewesen ist? Denn heutzutage ist es ja egal, ob es sich um einen Tennisclub, einen Tischtennisclub oder um einen Fußballverein handelt: Wenn man da als Jugendlicher in die erste Mannschaft kommen will, dann muss man sich heutzutage gleich gegen eine regelrechte Europa- oder Weltauswahl als Konkurrenz durchsetzen. Damals waren, wie Sie gesagt haben, nur zwei Ausländer bei Eintracht Frankfurt und insofern war es noch wesentlich leichter, in die erste Mannschaft zu kommen. War das besser als heute für die Motivation der Jugendlichen?

Hölzenbein: Natürlich. Ich habe ja gesagt, es war leichter und die Motivation ist selbstverständlich größer, wenn man immer wieder mal die Chance bekommt, eingewechselt zu werden und spielen und sich zeigen zu können. Diese Chance hat es immer gegeben, wenn man sich im Training angeboten hat. Und genau das habe ich halt auch gemacht: Ich habe im Training immer alles gegeben und habe auch da versucht, meine Tore zu machen. Im Gegensatz zu heute hat es damals ja auch noch nicht diesen ganzen Medienrummel gegeben. Da war vielleicht mal ein Reporter beim Training und in den Zeitungen wurde kaum etwas berichtet über uns. Es war kein Druck da und es gab auch keine Schlagzeilen. Ich denke, dass das Ergebnis davon war, dass Deutschland später im Fußball auch wirklich mit in der Weltspitze präsent war: Die jungen Spieler bekamen in ihren Vereinen einfach relativ leicht die Möglichkeit, in der Bundesliga zu spielen und sich dann weiterzuentwickeln. Eintracht Frankfurt hat sich heute mit den jungen Spielern ja auch recht gut entwickelt: Diese jungen Spieler werden häufig eingesetzt und es wurde der Aufstieg und der Klassenerhalt geschafft. Das Ergebnis ist also ganz in Ordnung heute.

Nadvornik: Sie haben 1966 bzw. 1967 so langsam Fuß gefasst bei der Eintracht.

Hölzenbein: Ja, 1967.

Nadvornik: 1974 wurde Deutschland dann zum zweiten Mal Fußballweltmeister. Zwei Jahre davor war Deutschland Europameister geworden. Wie haben Sie denn damals diesen Europameistertitel als Bundesligaspieler erlebt?

Hölzenbein: Damals war ich noch nicht so weit. Ich hatte zwar damals bei der Eintracht in Frankfurt schon ganz gute Ergebnisse erzielt: Ich macht jede Saison meine zehn, zwölf Tore und hatte daher auch mal im erweiterten Kreis der Nationalmannschaft gestanden und auch einige Male in der U-21-Mannschaft gespielt, also in der Juniorennationalmannschaft. Ich war also sehr wohl im erweiterten Kreis der Mannschaft, die dann Europameister wurde. Ich stand da so ungefähr unter den letzten 40, denn es gab damals so eine inoffizielle Liste, auf der ich eben auch auftauchte. Aber 1972 habe ich noch nicht so recht daran geglaubt. Mein Durchbruch kam dann erst in der Saison 1972/73, als ich sehr viele Tore erzielen konnte. Helmut Schön, der damalige Bundestrainer, war auch fast bei jedem Spiel bei der Eintracht und hat uns zugesehen. Das war natürlich ein großer Vorteil für mich: Er konnte mich fast jedes zweite Wochenende in Frankfurt spielen sehen. Andererseits war das auch ein Nachteil, denn er hat mich natürlich auch gesehen, wenn ich mal nicht so gut gespielt habe. Er hat lange gezweifelt, dann jedoch, kurz vor der WM, hat er mir doch mal eine Chance gegeben in der Nationalmannschaft. Das war 1973 gegen Ungarn. Davor hatte ich im Spiel gegen Österreich gegen Ende des Spiels für ein paar Minuten meinen ersten Länderspieleinsatz gemacht. In meinem zweiten Spiel gegen Ungarn habe ich dann auch gleich mein erstes Tor geschossen. So nach und nach war er dann doch überzeugt von mir und berief mich auch tatsächlich in den Nationalmannschaftskader für die Weltmeisterschaft. Ich war aber immer noch nur einer von 22, ich war im Grunde genommen der Ersatzspieler, mit dem eigentlich niemand rechnete.

Nadvornik: Sie haben im Oktober 1973 Ihre ersten Länderspiele absolviert, also ganz knapp vor der Weltmeisterschaft. Sie können sicher gut nachvollziehen, wie das ist, wenn der Kader der Nationalmannschaft bekannt gegeben wird, wenn man einer von diesen 22 Spielern ist – noch dazu wenn man sich selbst eigentlich als Wackelkandidaten bezeichnen würde, denn auf Ihrer Position hat damals ja auch Jupp Heynckes gespielt. Was haben Sie sich denn ausgerechnet, als Sie sich dann für die Weltmeisterschaft im eigenen Land vorbereitet haben? Dachten Sie, Sie würden zum Einsatz kommen?

Hölzenbein: Ich war erst einmal glücklich und happy, dass ich überhaupt dabei war. So richtig daran geglaubt habe ich eigentlich nicht, denn Jupp Heynckes war damals überragend: Er war wirklich in überragender Form und hat mit Gladbach Tore am Fließband geschossen.

Nadvornik: Er war in dieser Saison dann auch noch Torschützenkönig.

Hölzenbein: Richtig, er war Torschützenkönig in der Saison vor der WM. Ich hatte noch das Glück, dass ein weiterer Konkurrent, nämlich der Erwin Kremers von Schalke 04, wegen einer roten Karte vom DFB gesperrt worden war für die WM. Aus diesem Grund gab es dann so etwas wie ein Vakuum im Sturm, das mir die Chance eröffnete, mich im Trainingslager als Alternative aufzudrängen. Wenn ich in den Vorbereitungsspielen eingewechselt worden bin, dann kam ich meistens für Gerd Müller rein, denn ich war ja von Haus aus doch so etwas wie ein Mittelstürmer bzw. einer aus dem offensiven Mittelfeld, also hängende Spitze. Rechtsaußen habe ich eigentlich weniger häufig gespielt. Aber bei meinem ersten WM-Spiel von Anfang an, das war das Spiel nach der Pleite gegen die DDR, war ich plötzlich der Rechtsaußen der Nation. Später, gegen die Polen und die Holländer, bin ich dann auf Linksaußen gewechselt. Ich habe einfach alles gespielt, was mir Helmut Schön gesagt hat. Mir war das egal: Hauptsache war, ich spielte überhaupt.

Nadvornik: Was halten Sie denn von Spielern, die sich aufgrund von ein paar Toren einen Namen gemacht haben und dann gleich den Anspruch erheben, nur auf einer bestimmten Position spielen zu wollen und es als Ausrede für schlechte eigene Leistungen anführen, dass sie mal ein bisschen weiter hinten oder ein bisschen weiter rechts oder links oder offensiver oder defensiver spielen mussten? Kann ein guter Fußballer nicht eigentlich überall, also auf jeder Position spielen?

Hölzenbein: Ja, einerseits schon. Ich ärgere mich schon auch darüber, wenn heute manche Spieler sagen: "Ich kann nicht auf meiner Position spielen. Das, was ich spiele, ist nicht genau meine Position!" Heute wird es ja gleich ganz wissenschaftlich, wenn mal ein Spieler fünf Meter weiter vorne oder zehn Meter weiter links spielen muss. Da heißt es dann z. B.: "In der Raute kann er spielen, aber nicht im linken Mittelfeld!" Eigentlich ist das ja kein sehr großer Unterschied, nicht wahr? Aus meiner Sicht ist das wirklich Quatsch: Ein guter Fußballer sollte überall spielen können. Aber es stimmt natürlich schon: Jeder Spieler hat gewisse Qualitäten, die ihn vor allem für eine bestimmte Positionen prädestinieren. Nehmen wir als Beispiel den Gerd Müller: Er war ein absolut typischer Mittelstürmer. Er konnte zur Not schon auch mal Libero spielen und ab und zu hat er das sogar gemacht, aber er war z. B. definitiv kein Renner im Mittelfeld. Denn um im Mittelfeld spielen zu können, braucht man eben wieder ganz andere Qualitäten.

Nadvornik: Gerd Müller war also einer, den man vorne in den Strafraum reingestellt hat und dann hat man ihm den Ball zugespielt.

Hölzenbein: Genau. Paul Breitner hat z. B. offiziell linker Verteidiger gespielt, in Wirklichkeit ist er aber nur nach vorne marschiert. Das war aber gut, denn ich war ein Linksaußen, der auch mal nach hinten marschiert ist, um so jemanden abzusichern und zu unterstützen. Das ging alles nur, wenn man bereit war zu kämpfen und bis zur Erschöpfung zu rennen: erstens um für Deutschland diese Spiele zu gewinnen und zweitens, in meinem Fall, um überhaupt in der Mannschaft drin zu bleiben. Denn ich wusste ja: Der Jupp Heynckes stand quasi Gewehr bei Fuß. Und auch der Hennes Weisweiler, sein Gladbacher Trainer, hat damals über die "Bild-Zeitung" gefordert: "Jupp Heynckes muss spielen, egal für wen, entweder rechts für Grabowski oder links für Hölzenbein!"

Nadvornik: Der Gladbacher Vereinstrainer forderte also öffentlich via Zeitung den Einsatz seines Schützlings: Da hat sich nicht viel geändert im Vergleich mit heute.

Hölzenbein: Ja, das ist heute immer noch so. Ansonsten ist natürlich vieles anders geworden im Fußball.

Nadvornik: Sie sind 1974 zur Vorbereitung auf die WM mit der Nationalmannschaft in diese berühmte Sportschule in Malente eingezogen. Müssen Sie heute ab und zu mal schmunzeln, wenn Sie an diese Zeit zurückdenken, wenn Sie erfahren, dass auch heute wieder die Nationalmannschaft nach Malente fährt oder halt eben in den Sportpark nach Kaiserau?

Hölzenbein: Ja, schmunzeln muss man schon, wenn man sich vorstellt, was das damals für Zimmer waren in Malente in der Sportschule. Ohne Toilette! Das waren ganz enge Räume mit gerade mal zwei Betten, eng nebeneinander gestellt. Einen Fernseher mit einem sehr kleinen Bildschirm gab es nur im Aufenthaltsraum. Dass da eine Tischtennisplatte stand, war das Highlight. Und sonst? Sonst war nichts. Wir machten mal eine Dampferfahrt, als wir da im Trainingslager waren, und einmal sind wir wohl ins Legoland gefahren, wenn ich mich richtig erinnere. Aber das war es schon.

Nadvornik: Zum Tischtennis gibt es ja eine ganz berühmte Geschichte. Ich habe gehört, Gerd Müller wäre in der Nationalmannschaft der ungekrönte Tischtennisgott gewesen, bis Sie kamen. Ich weiß, Gerd Müller ist ein sehr ehrgeiziger Sportler. Wenn er irgendetwas macht, dann will er auch gewinnen, sei es im Tennis, sei es im Fußball. Beim Tischtennis kamen dann aber Sie: Wie kam es zu dieser ersten berühmten Begegnung mit Gerd Müller an der Tischtennisplatte?

Hölzenbein: Zu dieser ersten Begegnung kam es in Malente, als wir anfingen Tischtennis zu spielen. Der Gerd wusste ja nicht, dass ich aktiv in der Bezirksliga spielte. Ich habe damals nämlich für meinen Heimatverein nicht nur Fußball, sondern auch Tischtennis gespielt. Die Spiele in der Tischtennisliga waren immer am Sonntagmorgen, insofern hat das ganz gut gepasst: Am Samstag war Bundesliga und am Sonntagmorgen habe ich dann in der Bezirksliga Tischtennis gespielt. Ich habe im ersten Spiel den Gerd gleich mal weggefegt, ihn "Schneider gemacht".

Nadvornik: Das heißt, er selbst hat nicht mehr als zehn Punkte gemacht.

Hölzenbein: Richtig. Und da ging dann das Geschrei los. Es war nämlich von einer Tageszeitung eine Münze im Wert von 1000 Mark ausgesetzt worden als Preis: für den Champion der Nationalmannschaft im Tischtennis! Und Gerd Müller hat sich dabei bestimmt schon als sicherer Sieger gefühlt. Aber er wurde dann eben von einem Newcomer von der Platte gefegt. Das Geschrei war dann beim Gerd natürlich groß. Aber man muss natürlich sagen, dass der Gerd ein Super-Mensch ist, ein lieber Kerl. Der Gerd hat sich jedenfalls furchtbar aufgeregt und gemeint: "Es kann nicht sein, dass ein Profi bei diesem Tischtennisturnier mitspielt." Man hat sich dann darauf geeinigt, dass es zwei Münzen gab: eine für den Profi und eine für den Amateur, die dann natürlich der Gerd gewann.

Nadvornik: Es wurde also auf einmal eine Aktiv- und eine Passivwertung eingeführt beim Tischtennis.

Hölzenbein: Genau.

Nadvornik: Sie haben soeben gesagt, das Geschrei sei sehr groß gewesen nach Ihrem Sieg im Tischtennis. Es hat ja während des WM-Turniers diese berühmte Niederlage gegen die damalige DDR gegeben. Wie groß war denn intern das Geschrei und das Gejammer nach dieser Niederlage?

Hölzenbein: Bei mir, der deswegen ja seine Chance gesehen hat, war das Geschrei natürlich nicht so groß. In den Spielen davor war ich immer nur eingewechselt worden: Das war auch ganz in Ordnung so, denn es war nicht so, dass ich dabei sehr stark auf mich aufmerksam gemacht hätte. Aber nach diesem Spiel habe ich natürlich schon gespürt, dass jetzt etwas passiert. Ich bin dann auch ganz brav ins Bett, weil ich mich aufs Training am nächsten Tag vorbereiten wollte. Später habe ich dann gehört, was nachts noch alles los gewesen ist. Da hat es noch große Diskussionen gegeben, angeblich auch einen Krach zwischen Helmut Schön und Franz Beckenbauer, der daraufhin das Ruder übernommen haben soll. Aber das weiß ich nicht so genau und ich kann es mir auch gar nicht vorstellen: Beckenbauer hat sicherlich Helmut Schön unterstützt. Helmut Schön war auf keinen Fall entmachtet hinterher.

Nadvornik: Er war ein lieber Mensch, das kann man schon so sagen.

Hölzenbein: Ja, er war ein bisschen weich, er war einfach ein sehr herzlicher Mensch. Das hatte allerdings auch seine Vorteile, denn Helmut Schön hat mit seiner Art auch sehr viel aus dieser Mannschaft herausgeholt. Und er war ein unglaublicher Fachmann hinsichtlich Taktik, auch hinsichtlich der richtigen Art, mit den Spielern umzugehen und sie aufzubauen, zu "streicheln", zu motivieren. Gerade bei mir hat das sehr viel genützt, weil ich ja eher der Typ war, der von sich immer gemeint hat: "Ich weiß nicht so recht, ich fühle mich nicht so gut, hoffentlich schaffe ich das..." Ich war halt immer ein bisschen skeptisch mir selbst gegenüber und hatte einfach ein mangelndes Selbstvertrauen. Aber Helmut Schön hat mich regelrecht aufgebaut: Helmut Schön hat mich bei dieser WM damals so weit gebracht, dass ich eine viel bessere Leistung gebracht habe, als ich sie mir selbst zugetraut hätte.

Nadvornik: Franz Beckenbauer hat damals also das Wort ergriffen. Er hat da in Kaiserau in einer Kneipe eine Pressekonferenz einberufen. Der allgemeine Tenor, um das mal kurz zusammenzufassen, lautete dort: "Eigentlich hat nur Franz Beckenbauer fast alles richtig gemacht auf dem Spielfeld!" Hat man damals schon gemerkt, dass Franz Beckenbauer einer ist, der ein Macher werden wird, der dorthin kommen wird, wo er heute steht? Hat man damals schon geahnt, dass er eines Tages so großen Erfolg haben wird als Trainer, als OK-Chef, als einer, der die Weltmeisterschaft nach Deutschland holt, als einer, der im Hubschrauber zu jedem Spiel fliegt während der WM in Deutschland? Hat man damals schon gemerkt, dass er ein im positiven Sinne "Verrückter" ist?

Hölzenbein: Wenn das damals einer prophezeit hätte, dann hätten wir den alle für verrückt gehalten. Der Franz war sicherlich der beste Spieler und er war ja auch unser Mannschaftskapitän. Aber er war nicht so dominierend. Der Franz steckte immer mit dem Gerd Müller zusammen und die beiden hatten als Duo dann sehr viel zu sagen in der Mannschaft. Man glaubt das vielleicht gar nicht, aber das Wort von Gerd hat etwas gegolten. Gerd Müller war wichtig aufgrund seiner Art, Tore zu machen, aufgrund seiner überragenden Qualität, seiner Weltklasse. Wenn ihm etwas nicht gepasst hat, dann hat er das dem Franz gesagt und der Franz hat das dann umgesetzt. Es war eher so, dass der Gerd viele Tipps gegeben hat und er dadurch einen Rieseneinfluss auf die Mannschaft hatte. So kam es dann nach dem DDR-Spiel eben auch zu der Situation, dass vier Spieler aus der Mannschaft geflogen sind, die vorher gesetzt gewesen waren. Für sie kamen vier Neue rein. Einer davon war ich, zum Glück. Das heißt, wenn das Spiel gegen die DDR anders ausgegangen wäre, dann wäre in meinem Leben auch vieles anders gelaufen.

Nadvornik: Das kann ich mir vorstellen. Wie ist es eigentlich, wenn man bei so einer WM auf der Bank sitzt? Bei dieser WM traf es ja z. B. den Oliver Kahn. Man sieht da den Konkurrenten auf der eigenen Position spielen, in diesem Fall war das Jens Lehmann: Hofft man da, dass dem Konkurrenten etwas misslingt oder dass der Ball doch mal reingeht, sodass man selbst irgendwann eingesetzt wird? Oder ist man da auch im Kopf so mannschaftsdienlich unterwegs, dass man dem Konkurrenten eben nicht die Pest an den Hals wünscht und nur hofft, dass die eigene Mannschaft Weltmeister wird? Ist man da also doch eher für das große Ganze, selbst als Auswechselspieler, als Spieler auf der Ersatzbank?

Hölzenbein: Das kommt darauf an. Wenn es sich um das Endspiel gehandelt hätte, also um das Spiel, das die Weltmeisterschaft entscheidet, dann wäre die Situation sicherlich eine andere gewesen: In so einem Moment muss man einfach sein eigenes Ego zurückstellen und mit der Mannschaft mitfiebern. Man ist da auch wirklich mit ein Teil dieser Mannschaft. Als es jedoch gegen die DDR ging, wusste ich genau: Wenn das die Mannschaft vergeigt, dann passiert ja nichts! Im Gegenteil, es kam dann sogar besser für uns, weil wir dann in der Zwischenrunde in die richtige Gruppe kamen. Wir sind auf diese Weise in der Zwischenrunde den Holländern, den Brasilianern entkommen. Stattdessen kamen wir in eine Gruppe mit Schweden, Polen und Jugoslawien. Ich muss gestehen: Da war bei mir schon so ein zwiespältiges Gefühl vorhanden, als ich auf der Bank saß. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich anschließend bei der Fahrt mit dem Bus zurück nach Malente nicht so arg traurig herumgesessen habe. Ich bekomme es nicht mehr ganz genau zusammen, aber ich bin mir relativ sicher, dass ich mir da schon Hoffnungen gemacht habe: Ich war nicht übermäßig traurig auf dieser Fahrt und habe im Bus bestimmt nicht geweint.

Nadvornik: Das haben Sie sehr schön formuliert. Sie kamen dann auch tatsächlich zum Einsatz und das war dann, wie Sie bereits gesagt haben, wichtig für Ihr weiteres Leben und Ihre Karriere. Im Halbfinale ging es dann gegen Polen: Das war dieses berühmte Spiel mit den wolkenbruchartigen Regenfällen! Das Spiel konnte sogar erst mit Verzögerung angepfiffen werden. Die Polen, die damals, wie viele gesagt haben, bei dieser WM die beste Mannschaft gewesen sind, haben dieses Spiel verloren. Die Polen haben ihre Niederlage natürlich auf den schlechten Rasen und die riesigen Wasserpfützen geschoben. Die Deutschen hingegen waren ganz froh über den vielen Regen gewesen. Können Sie sich an dieses Spiel eigentlich noch erinnern? Denn das
liegt ja immerhin schon 32 Jahre zurück.

Hölzenbein: Natürlich. Das war ja das erste Spiel bei der WM überhaupt, in dem ich von Anfang bis Ende durchgespielt habe. Und das auch noch in meiner Heimat, in meinem Stadion! Dadurch bekam ich natürlich noch einen zusätzlichen Motivationsschub und auch mehr Selbstvertrauen. Ich war auch bei der Eintracht immer schon zu Hause besser gewesen als auswärts. Wenn wir mit der Eintracht im Westen meinetwegen gegen den MSV Duisburg gespielt haben, dann gab es immer was auf die Socken: Es gab damals wirklich noch brutale Gegenspieler und das Fernsehen hatte damals noch nicht diese Zeitlupenmöglichkeiten wie heute, sodass bei bestimmten Fouls die Spieler selbst nach dem Spiel noch die rote Karte bekommen können. Damals wurde z. T. noch richtig brutal in die Knochen getreten. Als Stürmer musste ich mich da schon hin und wieder mal auspfeifen lassen, weil ich so gut wie gar nichts zustande gebracht hatte. Aber wenn wir zu Hause in Frankfurt gespielt haben, dann waren wir eine Macht. Wir hatten kurz vor der WM zu Hause im Pokal sogar die Bayern geschlagen! Es war also so, dass ich in Frankfurt in diesem Stadion wirklich noch einen zusätzlichen Schub bekommen habe. Zusammen mit Jürgen Grabowski habe ich dann ja auch die "Frankfurter Flügelzange" gebildet mit Gerd Müller in der Mitte. Wenn man einen Gerd Müller in der Mannschaft hat, dann hat man natürlich ohnehin schon mal die halbe Miete herinnen. Jürgen und ich haben in der ersten Halbzeit beide nicht so arg viel machen können: Denn es war einfach aufgrund der äußeren Bedingungen kein wirkliches Fußballspiel möglich. Es wurde stattdessen gekämpft und gerackert: Wir haben den Ball von einer Pfütze in die nächste gejagt und die Polen plagten sich mit denselben Problemen. Auch sie hatten so gut wie keine Möglichkeiten gehabt in der ersten Halbzeit. Auch der Franz Beckenbauer hinten drin ist gelegentlich ins Schwimmen gekommen und hat den einen oder anderen Ball nicht so richtig getroffen. Aber in der zweiten Halbzeit konnten wir dann richtig Fußball spielen. Ich habe mir dieses Spiel gegen die Polen vor kurzem noch einmal angesehen. Ich muss sagen, das war wirklich eine tolle Leistung von allen, die da gespielt haben, auch von den Polen. Sepp Maier hat z. B. überragend gehalten. Die Polen hatten in der Tat eine überragende Mannschaft, aber ich kann dem Günter Netzer nicht folgen, wenn er immer wieder behauptet: Wenn der Platz damals trocken gewesen wäre, dann hätte Polen gewonnen! So weit würde ich nicht gehen. Aber man muss doch zugeben: Polen war sehr, sehr stark. Dennoch, wir haben 1:0 gewonnen, obwohl uns ein Unentschieden auch gereicht hätte.

Nadvornik: Auch im Finale war es dann so, dass man nicht sagen kann, dass dieses Spiel lediglich durch eine "Schwalbe" von Bernd Hölzenbein entschieden worden wäre. Denn der Elfmeter nach dem Foul an Ihnen brachte ja erst einmal das 1:1. Das heißt, die Holländer hätten ja auch selbst noch die Chance gehabt, den Sieg herauszuschießen. Aber den Siegtreffer erzielten dann eben die Deutschen. Können Sie nachvollziehen, dass Fußballspiele internationale Affären auslösen? Die Polen haben sich damals wegen der äußeren Bedingungen ein bisschen verschaukelt gefühlt, heißt es. Jetzt, bei der WM im Jahr 2006 in Deutschland, also 32 Jahre später, war vor dem Duell Deutschland gegen Polen wieder die Rede davon. Da hieß es auf Seiten der Polen: "Rache für damals, Rache für dieses Spiel in Frankfurt, in dem wir verschaukelt wurden!" In Holland ist es heute noch so, selbst 30 Jahre danach. Sie selbst sind ja sogar vor einiger Zeit vom Goethe-Institut nach Rotterdam eingeladen worden: Dort liefen Sie mit einem Oranje-Trikot ein und sprachen noch einmal über die alten Zeiten und eben auch über dieses Spiel damals. Fußballspiele können also internationale Affären auslösen. Warum ist das so?

Hölzenbein: Ich kann mich nicht daran erinnern, dass die Holländer damals, als ich im Goethe-Institut in Rotterdam gewesen bin, irgendetwas Aggressives oder Negatives gesagt hätten. Die holländischen Spieler sagen ja heute selbst, geben heute selbst zu, dass sie damals einfach zu arrogant, zu überheblich gewesen sind. Sie dachten nach dem 1:0 bereits in der ersten Minute, das Ding sei schon gelaufen. Holland ist wahrscheinlich genau deshalb nicht Weltmeister geworden.

Nadvornik: Das geben die holländischen Spieler heute also zu. Sie sagen, sie wollten die Deutschen ein bisschen vorführen in diesem Spiel.

Hölzenbein: Das geben sie heute wirklich zu. Natürlich nützt man dann in der Öffentlichkeit, in den Medien die Chance, daraus eine große Sache zu machen, wenn es auf einmal heißt, das sei ja nur eine "Schwalbe" gewesen. Denken Sie an das Endspiel 1966: Bis heute streitet man sich darüber, ob der Ball drin gewesen ist oder nicht. Die einen sagen so, die anderen so. Es gibt mittlerweile Videoanimationen und man versucht das noch im Nachhinein zu klären. Natürlich klammert man sich an so etwas. Aber ich war danach dann mehrmals in Polen: Die Polen sind wirklich so nette Leute. Wir hatten nach dem Spiel auch die Trikots mit unseren polnischen Gegenspielern getauscht und uns umarmt: Sie haben uns gratuliert zu unserem Sieg. Das waren ganz faire Sportler. Sie wussten, dass sie selbst alles in der Hand gehabt hatten: Sie hatten ja die Chance, niemand außer Sepp Maier hat sich ihnen quasi in den Weg gestellt. Niemand anderer als sie selbst war schuld an ihrer Niederlage. Das wussten die Spieler damals ganz genau. Polen hat halt einfach dieses Spiel 1:0 verloren und dass da unglaublich viel Wasser auf dem Spielfeld war, war für beide Mannschaften ein Nachteil. Ich kann nur noch einmal sagen, dass sich die polnischen Spieler hinterher überhaupt nicht beschwert haben. Die Holländer wiederum sind daran gescheitert, dass sie schon in der ersten Minute 1:0 in Führung gingen und dann dachten, sie wären bereits Weltmeister.

Nadvornik: Sie machten es sich dann also zu leicht. Aber ich muss noch einmal nachhaken. Warum ist Fußball so wichtig, dass man noch zehn, zwanzig, dreißig Jahre später die Geschicke der beteiligten Nationen mit einem Fußballspiel von nur 90 Minuten in Verbindung bringt? Ist Fußball so wichtig?

Hölzenbein: Der Fußball ist nicht so wichtig, und ist doch wichtig. Ich muss ja nur einmal daran denken, was bei meinem letzten Spiel in der Nationalmannschaft los war. Das war dieses berühmte Spiel in Cordoba. Von diesem Spiel träumen die Österreicher heute noch!

Nadvornik: Wir Deutschen auch.

Hölzenbein: Ja, schon, aber wenn, dann haben wir Alpträume. Dennoch ist für uns dieses Spiel letztlich doch nicht so wichtig wie für die Österreicher. Die Österreicher konnten durch dieses Spiel, durch diesen Sieg ihr Selbstwertgefühl enorm steigern. Sie reden heute noch davon! Wenn man sich mit einem Österreicher unterhält und das Stichwort "Cordoba" fällt, dann weiß jeder Österreicher sofort Bescheid. Denn darauf sind sie unwahrscheinlich stolz und freuen sich darüber, wie sie es damals den Deutschen gezeigt haben.

Nadvornik: Für unsere Zuschauer sollten wir vielleicht kurz erwähnen, dass es sich dabei um dieses Spiel während der WM 1978 in Argentinien handelt. Das war diese historische 2:3-Niederlage gegen die Österreicher in Cordoba. Viele sagten damals ja, die Deutschen hätten eh keine Lust mehr gehabt, weil die Sache ohnehin schon vorbei war für sie: Der Einzug ins Finale war verpasst und deswegen hätte man nicht mit voller Kraft gespielt. Aber wir wollen diese Niederlage damals hier natürlich nicht kleinreden.

Hölzenbein: Nein, das glaube ich ohnehin nicht. Ich selbst jedenfalls hatte große Lust. Ich habe nämlich kurz vor Schluss das 2:2 geköpft: Das hätte bedeutet, dass wir das kleine Finale erreicht hätten, also das Spiel um den dritten Platz. Dann hat aber der Hans Krankl die Österreicher zum 3:2-Sieg geschossen. Es war also mit Sicherheit nicht so, dass wir nicht gewollt hätten. Nein, wir wollten schon, wir wollten dieses Spiel sehr wohl gewinnen.

Nadvornik: 1978 sind Sie dann zurückgetreten aus der Nationalmannschaft. Es gab ein wenig Ärger deswegen, aber dann war es halt auch gut mit Ihrer Karriere in der Nationalmannschaft. Sie haben 40 Spiele für die Nationalmannschaft absolviert. Sie selbst haben vorhin gesagt: Wenn Sie ein bisschen selbstbewusster gewesen wären, dann wären es vielleicht 80 Spiele gewesen. Danach haben Sie allerdings noch relativ lange für die Frankfurter Eintracht weitergespielt. Warum sind Ihre großen Erfolge, Ihre Berufungen in die Nationalmannschaft relativ spät passiert, nämlich erst mit 27, 28, 29 Jahren?

Hölzenbein: Tja, warum? Vielleicht wirklich deshalb, weil ich zu wenig Selbstvertrauen hatte. Vielleicht lag es auch daran, dass ich damals nicht in einer wirklich großen Mannschaft gespielt habe. Die Eintracht hat damals zwar technisch einen großartigen Fußball gespielt, aber in meiner Zeit war die deutsche Meisterschaft doch so gut wie unerreichbar. Grabowski, Hölzenbein und Nickel: Das war so der Kern der Mannschaft damals. Erst später, als es dann beim Jürgen, beim Bernd Nickel und bei mir ein wenig nachgelassen hat, wir waren damals einfach schon gut 30 Jahre alt, kamen Spieler wie Bum-kun Cha oder Jürgen Pezzey zu uns in die Mannschaft, also Spieler von großer internationaler Klasse. Die kamen halt einfach zu spät für uns, denn bei uns dreien war da die beste Zeit bereits vorbei. Das hat also nie so richtig gepasst. Ich glaube, dass das neben dem mangelnden Selbstvertrauen der Grund dafür gewesen ist, dass ich "nur" 40 Länderspiele gemacht habe.

Nadvornik: Sie blieben der Frankfurter Eintracht Ihr ganzes Profileben lang treu. Für Sie gab es nur die Eintracht und keinen anderen Verein. Nach Ihrer aktiven Karriere wurden Sie dann ja auch Funktionär bei der Eintracht: Vizepräsident, Manager usw. Was ist eigentlich schwerer? Als Manager eine Mannschaft zusammenzubauen oder als Spieler auf dem Platz zum Erfolg der Mannschaft beizutragen?

Hölzenbein: Als Spieler ist es immer leichter. Als Spieler musst du nur spielen und hast sonst keine Verantwortung. Du musst dich um nichts weiter kümmern. Der Mannschaftsbus steht bereit, alles ist bereit gelegt für dich in der Kabine usw. Als Spieler wird einem gesagt, was man zu tun hat und gut ist es. Man läuft einfach den anderen hinterher und es wird gesorgt für einen, man muss sich um nichts kümmern. Als Funktionär oder als Trainer ist das anders. Das hat auch der Jürgen Klinsmann erfahren müssen. Als Funktionär, als Trainer ist es völlig anders als als Spieler. Da muss man sich um viel mehr Dinge Gedanken machen. Meine Zeit als Funktionär bei der Eintracht war ja am Anfang ebenfalls sehr erfolgreich. Deswegen dachte ich dann auch: "Mann, das geht ja einfach so weiter!" Wir fanden damals sofort die richtigen Spieler: Das waren überwiegend meine Entscheidungen gewesen, die aber selbstverständlich vom kompletten Vorstand mitgetragen wurden. Die Leute, die ich als Trainer vorgeschlagen habe, haben sich ebenfalls als Supertrainer entpuppt. Denken Sie nur einmal an den Klaus Toppmöller: Der kam ja als Trainer quasi aus dem Nichts nach oben. Er war tatsächlich von einer Amateurmannschaft zu uns gekommen als Trainer. Auch Dragoslav Stepanovic war als Trainer von einer Amateurmannschaft gekommen und wurde dann in der Bundesliga zu einem Startrainer. Es ging überhaupt eigentlich immer nach oben, alles lief gut. Als Sportler hatte ich meine erste große Niederlage ja erst 1976 einstecken müssen. Das war damals das Endspiel um die Fußballeuropameisterschaft in Belgrad. Wir verloren im Elfmeterschießen gegen die damalige Tschechoslowakei, nachdem ich kurz vor Schluss der regulären Spielzeit noch den Ausgleich erzielt hatte. Bei diesem Elfmeterschießen hat der Uli Hoeness damals den Ball in den Himmel von Belgrad gejagt anstatt ins Tor und die Tschechen waren Europameister. Das war eigentlich das erste Mal, dass ich ein großes, ein entscheidendes Spiel verloren habe. Wir hatten z. B. unsere wichtigen Pokalspiele mit der Eintracht immer gewonnen, ich war 1974 Weltmeister geworden, aber 1976 riss
diese Serie auf einmal: Auf einmal waren wir, war ich nur Zweiter. 1978 kam dann in Argentinien in Cordoba die nächste Pleite. Als Funktionär ging es dann aber später wieder aufwärts. Davor hatten wir 1980, ich war damals noch Spieler, den UEFA-Pokal nach Frankfurt geholt! Ich dachte mir also, es würde immer so weitergehen, es würde immer weiter nach oben gehen. Es geht aber im Leben nicht immer so weiter: Es gibt auch Phasen, in denen es negativ läuft.

Nadvornik: Bernd Hölzenbein, wie war dann die Erfahrung, die Sie machen mussten, dass nicht immer alles gelingt? Denn nach den sportlichen Niederlagen kamen die Niederlagen als Funktionär, als Vizepräsident von Eintracht Frankfurt. Sie hatten die Mannschaft zunächst zum Vizemeistertitel geführt, hatten eine tolle Mannschaft aufgebaut, hatten tolle Trainer geholt und auf einmal wurden Sie für etwas bestraft, das Sie eigentlich nicht besser gewusst hatten. Ich meine damit diese Steueraffäre um Anthony Yeboah und den Vertrag, der damals nur zum Schein abgeschlossen worden war.

Hölzenbein: Es fing eigentlich an mit dem Abstieg von Eintracht Frankfurt. Da habe ich gemerkt: "Oh Mann, das ist meine Schuld!" Ich war ja auch in der Tat mitverantwortlich: Ich war damals sportlicher Verantwortlicher im Verein und habe auch wirklich Fehler gemacht. Wir hatten zwar 12, 13 Nationalspieler in der Mannschaft, aber das ganze Mannschaftsgefüge hat einfach nicht gepasst. Wir stiegen also ab und ich zog die Konsequenzen und übernahm dafür die Verantwortung: Ich trat zurück, aber man hätte mich wahrscheinlich ohnehin gefeuert. Das hat mich wirklich mitgenommen, denn ich habe mir deswegen sehr viele Vorwürfe gemacht. Ich fühlte mich als der einzig Schuldige. Ich bin in dieser Zeit wirklich in mich gegangen und habe mir lange überlegt, was ich falsch gemacht hatte. Der Abstieg meiner Frankfurter Eintracht hat mich schwer getroffen, das gebe ich unumwunden zu. Als ich mich dann so langsam davon erholt und dieses Tief vom Kopf her so ein bisschen überwunden hatte, kam plötzlich diese Anklage wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung zugunsten von Tony Yeboah. Ich sollte daran beteiligt gewesen sein, dass der Tony Yeboah sein Geld nicht versteuert hat. Ich hatte von diesen ganzen Steuersachen natürlich nur wenig bis gar keine Ahnung und ich hatte mich darum auch überhaupt nicht gekümmert. Dafür hatten wir unsere Spezialisten und Anwälte und Steuerberater, die diese Sachen entwickelten und verhandelten. Aber ich war derjenige, der am Schluss diese Dinge unterschrieben hat. Tja, und dann saß ich insgesamt zwei Jahre vor Gericht. Ich war in der ersten Instanz verurteilt worden und legte dann Revision ein. Insgesamt zog sich das zwei Jahre lang hin. Das war schon ein schwerer Kampf. Das Ende vom Lied war, dass ich sieben Monate mit Bewährung bekam. Das war eine harte Zeit, auch für meine Familie, für meine Frau, für meine Kinder. Sie haben mitgelitten mit mir und auch mitgeweint mit mir. Das war schon der absolute Tiefpunkt in meinem Leben. Ich wurde für etwas verurteilt, für das ich nichts konnte und von dem ich selbst ja auch gar keinen Vorteil gehabt hatte. Und ich wurde dafür in der Öffentlichkeit, in der Presse regelrecht an die Wand gestellt. In jeder Zeitung stand nur noch zu lesen: "Bernd Hölzenbein, der Steuerbetrüger, der Steuerhinterzieher...". Und auf einmal schloss sich da auch der Kreis in den Medien: "Wer Elfemeter schindet, der betrügt auch!" Das war dann wirklich ganz bösartig. Aber durch dieses Tief bin ich durch und bin wieder herausgekommen.

Nadvornik: Ich sehe Sie auch als einen sehr glücklichen Menschen hier sitzen.

Hölzenbein: Ja, mit Hilfe meiner Familie und einiger Freunde habe ich das alles gut überstanden. Heute habe ich einen Job bei Eintracht Frankfurt, der mir sehr viel Spaß macht, der wirklich wunderbar ist. Ich bin dort heute zuständig für Spielerverpflichtungen: Ich sitze in der sportlichen Leitung und bin dort Berater des Vorstandsvorsitzenden. Ich habe einigen Einfluss, aber ich stehe doch nicht mehr so im Licht der Öffentlichkeit wie früher. Das ist etwas, was ich eigentlich immer schon so hätte haben wollen: Es war noch nie mein Ziel gewesen, täglich in den Medien zu erscheinen und Interviews am Fließband zu machen. Gut, in der letzten Zeit, in den letzten Jahren ließ es sich nicht vermeiden, dass ich ab und zu mal ein Interview gebe. Und auch das hat natürlich Vorteile. Aber sonst war es einfach nie mein Ziel gewesen, permanent im Rampenlicht zu stehen. Heute stehe ich halt bei Eintracht Frankfurt ein bisschen in der zweiten Reihe und bin ganz happy darüber.

Nadvornik: Wird Sie eigentlich die Frankfurter Eintracht bis ins Grab verfolgen? Wird da irgendwann einmal eine Eintracht-Flagge gehisst werden, wenn es eines Tages zu Ende gehen sollte? Sind der Adler und die Farben Rot und Schwarz so tief eingebrannt in Sie?

Hölzenbein: Ja, das ist ganz tief eingebrannt in mich. Es ist einfach so, dass dieser Verein wirklich fast mein ganzes Leben bestimmt hat. Ich war knapp 15 Jahre lang Profi bei der Eintracht, danach dann viele Jahre Funktionär in diesem Verein und bin heute dort Angestellter. Wenn man mal von meiner Kindheit absieht, die ich bei uns zu Hause auf dem Sportplatz verbracht habe, dann muss ich sagen, dass die Eintracht wirklich einen großen Teil meines Lebens ausgemacht hat. Die wichtigsten Stationen, der wichtigste Teil nicht nur meines Berufslebens hatte immer irgendwie mit Eintracht Frankfurt zu tun.

Nadvornik: Bernd Hölzenbein, ich bedanke mich für dieses außergewöhnliche Gespräch, gerade vor dem Hintergrund, dass Sie, wie Sie selbst erwähnt haben, eigentlich ein "öffentlichkeitsscheuer" Mensch sind und gar nicht so gerne Interviews geben. Es war sehr interessant mit Ihnen, vielen Dank für Ihr Kommen und für dieses Gespräch. Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, ich hoffe, auch Ihnen zu Hause hat dieses Gespräch gefallen. Danke, dass Sie eingeschaltet haben, das war das heutige alpha-forum mit Bernd Hölzenbein. Machen Sie's gut.


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