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Jugendfußball Den Fußballern droht der demographische Faktor
07.09.2006 von udo

Vereine machen sich Sorgen um die Jugend und die Altersstruktur / Frauen und Mädchen sind im Kommen

WÜRGES Der Hessische Fußball-Verband (HFV) feiert den 60. Jahrestag seiner Gründung. Doch anstatt sich selbst zu feiern, wird bei diversen Jubiläumsveranstaltungen in den Bezirken in die Zukunft geschaut. Durchaus kritisch.

Von Carsten Dietel

Die Zukunft des Fußballs ist weiblich. Und die Mitglieder in den Vereinen werden immer älter. Das sind die demographischen Fakten, mit denen die Fußballer langfristig zu planen haben. Jetzt stellt sich natürlich die große Frage, wie ein Sport sich darauf einstellt, dessen Aktive immer noch in der allergrößten Mehrheit jung und männlich sind? Keine einfache Aufgabe, der sich viele Vereinsvertreter (meist männlich, aber nicht mehr ganz so jung), bei ihrer Diskussionsrunde in Würges annahmen. Und wirklich in die Zukunft gerichtete Rezepte, wie auf die demographische Entwicklung zu reagieren sei, wurden nicht erarbeitet. Kein Aufruf an die Frauen, weg von der Kuchentheke und raus auf den Platz zu gehen - als "reife Frauen" den Alten Herren am Ball Konkurrenz zu machen. Immerhin, der Vorschlag, Nordic-Walking-Abteilungen im FC zu etablieren, wurde auch nicht gerade als goldener Weg angesehen.

Statt dessen glitt die Diskussion schnell in die aktuellen Sorgen und Nöte der Vereine ab. Bei den herausragenden Schwierigkeiten heutzutage verbiete sich fast schon der Blick an den Langfrist-Horizont. Steuerschwierigkeiten und fehlende ehrenamtliche Helfer seien Hürden, die erst einmal überwunden werden müssen, ehe die Zukunftsaufgaben ins Visier genommen werden könnten. Nicht die alten Mitglieder, sondern die Jugend stellten viele Vereine vor Probleme. Denn es fehlt an qualifizierten Trainern für die Kleinen. Für Steffi Jones, deutsche Fußball-Nationalspielerin, eigentlich unverständlich. Besonders deshalb, weil sie bereits als aktive Spielerin eine Trainerlizenz erwarb und ihr praktisches und theoretisches Wissen an Kinder weitergibt. "Wir, die Stars, müssen greifbar für die Jugend sein, ihre Nähe suchen, dann sind wir richtige Vorbilder und machen etwas für unseren Sport." Dabei geht sie gar nicht so weit zu fordern, dass Bundesligaspieler jetzt nebenbei als E-Jugend-Coaches arbeiten sollen. Im Verein müssen Spieler ihr Wissen weitergeben und sich idealerweise auch fortbilden, um die richtigen Inhalte und Worte für die Jugendlichen zu finden. Doch wie viel ist den Vereinen eigentlich ihre Jugendarbeit wert? Auch eine Frage, auf die an diesem Abend keine allgemein gültige Antwort gefunden wurde. Immerhin, dass man die Jugendbetreuer nicht mehr mit einem feuchten Händedruck entlohnen kann, ist inzwischen breiter Konsens. Genau wie das Jammern darüber, dass es überhaupt viel zu wenig Menschen gebe, die sich noch ehrenamtlich engagieren - allen Kampagnen und Ehrenamtcards zum Trotz.

Dass sich die Vereine ihre kostenlosen Helfer aber auch selbst vergraulen, diese Einsicht reift nur bei wenigen. Kein Verständnis dafür, dass einem rüstiger Rentner, der seit Jahrzehnten den Platz abstreut, irgendwann einmal die Hutschnur hochgeht, wenn sein A-Liga-Verein im vierten Jahr dem vierten 20-Jährigen einen "Fahrkostenzuschuss" bezahlt, mit dem dieser sich sein Golf Cabrio oder den tiefergelegten 3er BMW finanziert. Der Platzwart, der dem Spieler das Hobby durch seine ehrenamtliche Arbeit erst möglich macht, für eine krumme Linie vom gut bezahlten Jungstürmer dann auch noch angeschnauzt wird.

Von diesen hausgemachten Probleme ist in Würges allenfalls am Rande die Rede, wenn sich kollektiv Sorge um den Fußball gemacht wird. Genau so, wie Steffi Jones für ihren Einsatz für den Nachwuchs bewundert wir, ohne dass das gute Beispiel auf den eigenen Verein übertagen wird. Vielmehr gilt es sich, gegen die Konkurrenz abzuschotten, die kommerziellen Fitnessanbieter, Fußballschulen, die Thekenmannschaften in ihren freien Ligen. Dass diese genau das bieten, was viele Fußball-Vereine allenfalls noch in Ansätzen leisten, wird nicht wahrgenommen. Der reine Amateurgedanke und die Geselligkeit in den Freizeit- und Betriebsmannschaften. Oder die kompetente Ausbildung in den Fußballschulen, die zusätzlich auch noch in vielen Fällen von jenen Idolen geleitet werden, die die Kinder sonst nur aus dem Fernsehen kennen.

So gesehen sind die Vereine sicher gut beraten, ihre derzeitigen Probleme zu analysieren, bevor sie sich den Schwierigkeiten der nächsten Dekaden stellen. Und das Spiel oder das Vereinsleben neu erfinden braucht mit Sicherheit kein Klub. Doch Korrekturen an dem seit den 80er Jahren eingeschlagenen Weg sind notwendig, besonders wenn man wieder mehr Helfer an die Sportvereine binden will. Und dann klappt das auch wieder mit dem demographischen Faktor.

Quelle: WT, 05. 09. 2006


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