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Schluss. Aus. Vorbei.
10.06.2006 von udo

Schluss. Aus. Vorbei. Beverungens Tor zum 1:3 kam zu spät. West Ham ist im Finale. Dabei hatte ich meine unschlagbare Eintracht bereits als Europapokalsieger gesehen...

Die Erklärungsversuche der Erwachsenen sind zum Scheitern verdammt. “Diva vom Main?” Was sollte denn das nun wieder sein? Nein, den Main musste mir keiner erklären, der ging ja nur knapp 200 Meter von der Klappergasse entfernt gewohnt unaufgeregt seinen Gang. Aber Diva?
„Was? Hollywood? Oper? Was für ein Theater! Was? Am Theater gibt´s die auch. Schön. Aber was hat das alles mit meiner Eintracht zu tun?“

Ein hartes Brot und ein schweres Stück Arbeit einem 11-jährigem Eintracht-Fan zu erklären, was seine Helden mit irgendwelchen durchgeknallten Tanten gemeinsam haben sollen...

Die Erfahrungen, die andere machen, nützen einem nun einmal herzlich wenig. Man muss sie selbst machen. Manchmal auf die harte Tour, manchmal mit einem glücklichen Ende, wie ich bei meinem ersten Flutlicht-Spiel am 3. September 1976 gegen Schalke 04.

Aber der Reihe nach:

Wenn man der Legende Glauben schenken mag, habe ich mein erstes Eintracht—Spiel am 15. August 1970 gegen den HSV gesehen. Stimmt das, darf ich mit Fug und Recht behaupten „Uns Uwe“ noch live erlebt zu haben. Allein: Was für viele Politiker die letzte Zuflucht ist, wenn sie wieder mal Mist gebaut haben, ist für mich das schiere Grauen: Ein Blackout, ein großes schwarzes Loch. Ich kann mich einfach nicht daran erinnern...

Woran ich mich erinnern kann, ist ein Nachmittag in der Klappergasse, an dem ich zufällig das Fernsehgerät anschalte. Es ist 1974 und wohl gerade Weltmeisterschaft, die DFB-Elf spielt gegen die Auswahl Schwedens und gerade wird ein blonder, hager wirkender Spieler eingewechselt: Jürgen Grabowski.

Das Spiel steht 2:2 und damit, das kapiere ich aber erst sehr viel später, auf des Messers Schneide. Sekunden später bekommt Grabowski erstmals den Ball, zieht ab und der schwedische Keeper Ronnie Hellström ist geschlagen. 3:2!

Ich habe keine Ahnung, warum ich laut „TOOOOOOR“ brülle und auf dem elterlichen Sofa unaufhörlich auf und ab springe. Das energische Klopfen der Nachbarn, die wohl gerade versuchen, durch ein Loch in der Wand auch einen Blick auf den Bildschirm zu werfen, stört mich überhaupt nicht. Denn irgendwie spüre ich das dem asketischen Blonden eben etwas außergewöhnliches gelungen ist, und ich dank einer göttlichen Fügung Zeuge sein durfte. Oder so ähnlich...

Alles, was danach kam, war von Frankfurt und Eintracht-Spielern geprägt. Die „Wasserschlacht“ gegen die polnische Elf im Waldstadion sowie das Endspiel gegen die Niederlande – beide mit der „Frankfurter Flügelzange“ Jürgen Grabowski und Bernd Hölzenbein. Holz holt im Endspiel nach einem seiner unvergleichlichen Slalomläufe den Elfer (klaa wie Glosbrieh, das des einer war, da brauche mer gar net drüber redde, könnt isch grad verrigd wern, bei so em Gebabbel!) zum Ausgleich heraus, bekommt kurz vor Spielende einen weiteren Elfer verweigert und Grabi bereitet mit klugen Pass auf Bonhof Gerd Müllers legendäres 2:1 vor. Grabi und Holz – Deutschlands Stolz!
Ich hatte verstanden. Dachte ich...

Als nächstes Spiel sah ich im Fernsehen das wegen der WM verspätet (17. August 1974) ausgetragene DFB-Pokalendspiel. 3:1 nach Verlängerung für Eintracht Frankfurt mit Grabi und Holz, der seine Schlitzohrigkeit beim 2:1 wieder einmal unter Beweis stellte. Aber da war auch noch dieser Sololauf des schlaksigen Trinklein über das halbe Feld zum 1:0 und dieser Torpedo-Kopfball des kleinen Kraus nach Grabi-Flanke. Das Düsseldorfer Rhein-Stadion schien nur aus Eintracht-Fans zu bestehen. Das konnten keine gewöhnlichen Fußballer sein...

(Wie ich heute weiß, war das Rheinstadion tatsächlich fest in Frankfurter Hand!)

Ein Jahr später war die Eintracht erneut im Pokalfinale. Kein großes Spiel. Aber Charly Körbel macht den entscheidenden Treffer – kurioserweise in das Tor, in das er 14 Jahre später mit dem Oberschenkel noch einmal treffen und die Adler in die Relegation gegen Saarbrücken schießen wird. Aber das ist eine andere Geschichte...

1975 waren wir unschlagbar. Zumindest für mich. Die „Galaktischen“? Lächerlich! Die Unschlagbaren! Das meine Adler zwischendurch immer mal wieder ein Spiel verloren, entging meiner kindlichen Aufmerksamkeit irgendwie...

Sicher, es gab Ausnahmen, von denen selbst ich Notiz nehmen musste, wie das Europapokal-Aus 1974 gegen Dynamo Kiew mit Oleg Blochin. Aber bitte: Das waren Russen, also irgendwie sehr böse und gefährliche Wesen!

(Für die Nachgeborenen, die mit der Berliner Mauer oder - um im Jahrzehnt zu bleiben - mit Pink Floyds The Wall soviel verbinden wie ich mit 50 Cent!

Ich war neun Jahre und es herrschte kalter Krieg; ich hatte keine Ahnung was das war, außer dass es in Russland – vor allen Dingen in Sibirien – kalt sein sollte, sehr kalt sogar. Das hatte mir zumindest ein ehemaliger russischer Kriegsgefangener erzählt, der in meiner Nachbarschaft wohnte. Mit UDSSR und Ukraine konnte ich damals noch nicht viel anfangen...)

Ich war also heilfroh, dass meine Helden lebend und unversehrt nach Frankfurt zurück kehrten und nicht in Gefangenschaft geraten waren. Irgendwie steigerte das meine Bewunderung für meine Eintrachtler sogar noch...

Aber dann diese Niederlage im Halbfinale des Europokals der Pokalsieger gegen West Ham United. Sicher: Strömender Regen, ein nicht gegebener Elfer, ein entfesselt aufspielender Sir Trevor Brooking... Na und? Blablabla! Wir waren nicht unbesiegbar. Ich war betrogen worden!

Robin Hood verliert nun mal am Ende nicht gegen den Sheriff von Nottingham und Legolas stirbt nicht durch einen Angriff eines übelriechenden Orks. So etwas passiert Helden einfach nicht. Schluss. Aus. Vorbei.

(Hätte ich Winnetou III und Siegfried nur etwas früher im Sachsenhäuser Jugendkino gesehen...)

Die Helden meiner Kindheit, verewigt in Bildern, Postern und Zeitungsausschnitten, die Wimpel, die Eintracht-Fahne – alles, alles, was an der Wand neben und über meinem Bett hing, und worauf ich jeden Abend vor dem Einschlafen einen dankbaren Blick geworfen hatte, musste runter, musste weg. Ich konnte den Anblick nicht ertragen...
Meine liebe Mutter, die mich in meinem ganzen Leben sonst nie tadelte, sah mich traurig an und sagte: „Mer häld immer zu seim Verein – grad wenn die Bubbe maa verlore habbe!“

Ich wusste, ich hatte etwas völlig falsch verstanden und einen Fehler gemacht. Am nächsten Morgen war ich früher auf als sonst. Kunststück – ich hatte die Nacht über fast kein Auge zugetan. Meine Mutter sah kurz auf ihren völlig zerknirschten Bub: „Fehler mache mer alle. Abber den Fehler zugebbe und en widder gudd mache, des eefodderd Mut.“

Noch vor Schulbeginn hing alles, was mir bis zur Niederlage gegen West Ham lieb und teuer gewesen war, wieder an seinem Ort.
Jetzt hatte ich verstanden.

Dass mit der Diva und meiner Eintracht verstand ich allerdings erst einige Monate später, nach meinem ersten Flutlichtspiel am 3. September 1976.

In meiner Erinnerung sehe ich immer ein ausverkauftes Waldstadion, das im gleißenden Flutlicht erstrahlt wie das UFO in Steven Spielbergs „unheimlicher Begegnung der dritten Art“.Merkwürdigerweise sollen es aber nur 27.000 Zuschauer gewesen sein. Da spielt mir die Erinnerung wohl einen der Streiche, wie den, der Gebäude und Räume, die man aus seiner Kindheit in Erinnerung hat, plötzlich kleiner erscheinen lässt, wenn man sie als Erwachsener wieder betritt - dennoch bleiben sie in der Erinnerung weiter riesig...

Gegentribüne ungedeckt, das war – dank meines Schwagers, der sich und mich jede Saison mit einer Dauerkarte versorgte – unser Platz. Es war aber auch der Platz des „Bauches“. „Der Bauch“ hatte die Ausmaße eines Bierfasses erreicht, aber eben nur der Bauch. Die Beinchen und Ärmchen des Mannes waren dagegen fast bemitleidenswert dünn.
„Lasst wohlbeleibte Männer um mich sein, mit glatten Köpfen und die nachts gut schlafen,“ lässt William Shakespeare seinen Julius Cäsar fordern.

Schüttelbiers Julius hat leicht babbeln. Der weiß ja auch nicht, warum seine Dickerchen nachts pofen wie satte Babys: weil sie vorher in meiner unmittelbaren Nähe auf der Gegentribüne des Waldstadions gesessen und sich die Seele aus dem übergewichtigen Leib gemotzt haben.

„Laaf schneller, du Omma, du!“, ruft „der Bauch“ neben mir und verschüttet erregt einen guten Teil seines geistigen Getränkes, während die „Omma“ Willi Neuberger unter dem üblichen langgezogenen „Wiiiliiii“-Ruf der Fans zu einem seiner rasanten und gefürchteten Flankenläufe ansetzt.

Was dem HeinzGründel seine Lederhüte waren, war mir „der Bauch“ - selbst Ruedi Elsener war ihm zwei Jahre später nicht schnell genug. Dabei war der gute Turbo-Ruedi sicher nicht der torgefährlichste aber mit Sicherheit der schnellste Stürmer, den wir jemals hatten.

Zum Meckern hat „der Bauch“ neben mir an diesem Abend in den ersten 45. Minuten ausgiebig Gelegenheit. Die Adler scheinen vergessen zu haben, wo das gegnerische Tor steht. Die Schalker schauen sich die Frankfurter Unbeholfenheit eine knappe halbe Stunde an und schlagen dann zu:

0:1 durch ein Tor des „Flankengottes“ Rüdiger Abramczik.
Unmöglich, denke ich. Ich habe an alles gedacht: mit dem rechten Fuß am Morgen aufgestanden, den Teller leer gegessen und den von Mama gestrickten Eintrachtschal, der Jahre später gegen Rotterdam eine Hauptrolle spielen sollte, um den Hals gehängt. Ich hatte meine Arbeit getan – wir konnten heute abend nur gewinnen!

0:2 durch Helmut Kremers. 29. Minute. Ich kann es nicht fassen. Gut, dass der andere Kremers-Zwilling heute nicht auch noch dabei ist, denke ich. Aber der Fischer spielt und der hat sein Tor noch nicht gemacht. Ich schwanke zwischen Ungläubigkeit und leichter Panik, aber irgendwie retten sich die Adler in die Pause...

Ich verstehe die Welt nicht mehr. Diese Truppe, die da unten auf dem Rasen dilettiert, kann unmöglich meine Eintracht sein. Ob das ähnlich aussehende Schauspieler sind, die keinen geraden Pass spielen können?
Und wie sollten diese Fußkranken einen Keeper vom Format der mit reichlich Vorschußlorbeeren bedachten Schalker Neuverpflichtung Enver Maric – seines Zeichen immerhin jugoslawischer Nationaltorhüter – überwinden?

Endlich gestand ich mir ein: Es war aussichtslos.
Schluss. Aus. Vorbei. Ich würde heute abend meine erste Heimniederlage erleben und alles was ich tun konnte, war zu beten, dass es nicht das unausweichliche Debakel werden würde.

Zur 2. Halbzeit ändert sich an der Aufstellung fast nichts.
Schalke 04 spielt unverändert mit:

Enver Maric - Bernd Thiele - Klaus Fichtel - Rolf Rüssmann - Jürgen Sobieray - Helmut Kremers - Herbert Lütkebohmert - Friedhelm Schütte - Branko Oblak - Rüdiger Abramczik - Klaus Fischer

Die Eintracht ändert ihre Anfangsformation:

Jupp Koitka - Helmut Müller - Gert Trinklein - Peter Reichel - Willi Neuberger - Charly Körbel - Bernd Nickel - Jürgen Grabowski - Bernd Hölzenbein - Rüdiger Wenzel - Egon Bihn

lediglich auf einer Position. Egon Bihn muss den Platz für Wolfgang „Scheppe“ Kraus räumen.

Kurz nach Wiederbeginn netzt der „Scheppe“ ein. 1:2. Noch 42 Minuten und die Eintracht spielt wie entfesselt; und die bemitleidenswerten Schalker haben nicht einmal ansatzweise eine halbwegs vernünftige Gegenwehr zu bieten. Zudem entpuppt sicher die jugoslawische Wunderwaffe Maric als ziemlicher Haubentaucher, wobei ich den putzigen Tierchen nicht zu nahe treten möchte ... Wumms. Dr. Hammer hat zugeschlagen! 2:2 und erst knapp eine Stunde vorbei. Die Eintracht zaubert weiter und lässt den Knappen keine Zeit zum Verschnaufen. In der 74. und 75. verewigen sich dann meine beiden Helden mit einem Doppelschlag: Erst der Grabi und dann der Holz. 4:2! Das Ding ist gelaufen!

8 Minuten vor Schluss bekommen die Schalker gut 20 Meter vor unserem Tor einen Freistoß. Herbert Lütkebohmert läuft an, ein strammer Schuss und unser Tornetz beult sich gefährlich aus. 4:3. Mist. Die werden doch nicht... Nein, werden sie nicht. Denn wir haben Grabi und Holz und Schalke nur den nun völlig überforderten Maric im Kasten. Ein erneuter Doppelschlag von Grabi und Holz in der 87. und 89. Minute zum 6:3 und der Schalker Trainer Friedel Rausch sehnt den Schlusspfiff und einen bundesligatauglichen Schlussmann herbei.
Schluss. Aus. Vorbei. 6:3.

Was war passiert?

Die Diva vom Main hatte ihre beiden Gesichter gezeigt und endlich verstand ich, was mit Diva wirklich gemeint war.

Grabi, Holz und Dr. Hammer waren nicht wie die drei Musketiere, auch wenn ihre Ballstafetten manchmal wie ein eleganter Degenkampf anmutete. Nein, sie waren eher wie die drei Tenöre - Carreras, Domingo und Pavarotti.

Wie Maria Callas auf einer großen Bühne vor geneigtem Publikum und Sängern von Format augen- und ohrenscheinlich mühelos das hohe C gelang, spielten unsere Adler gegen namhafte und spielstarke Gegner nicht einfach Fußball, nein, sie zelebrierten ihn. Mit einer Leichtigkeit, die keine andere Mannschaft auch nur annähernd besaß. Das war die hohe Schule, das war Ballett, Rasenschach – unerreicht.

Aber wehe, wenn den Primadonnen der gehobenen Fußballkunst ein Furz auch nur andeutungsweise querlag.

Dann verzichten sie nicht nur auf das hohe C, auf atemberaubende Soli und mitreißendes Ensemblespiel, nein, sie schwiegen, verweigerten sich einfach komplett, nicht einmal ein gelangweiltes Brummen oder ein bösartiges Zischen war ihnen zu entlocken.

Aber warum nur, warum?

War es das hierzulande oft unerfreuliche Wetter oder ein nachlässig gepflegter Rasen, der den Adlern auf die Stimmung schlug und die stolzen Schwingen lahm legte?

Waren es die Provinzbühnen, wie in Lautern und Offenbach, wo ein verständnisloses und grölendes Publikum aus Ignoranten fanatisch darauf wartete, dass sich ihre uninspirierten einheimischen Bühnenarbeiter mit plumper Gewalt über die auswärtigen Künstler erheben würden, indem sie sie von der grünen Bühne jagten und traten?
Oder war es die Zumutung an sich, dass man gegen solch biedere, fast primitive Handwerker überhaupt antreten musste, um sich – ein unerhörter Skandal – mit ihnen zu messen?

Vielleicht war es eine Kombination von all dem. Vielleicht etwas ganz anderes. Ich weiß es bis heute nicht.

Wobei – wenn es so war, ich hätte ein gerütteltes Maß an Verständnis für meine Helden:

Unsere adlerbeschwingten Künstler verstanden, dass Menschen, um sich zu erfreuen, ins Kino, ins Konzert, ins Theater oder in die Oper gehen – aber in eine Werkstatt oder auf eine Baustelle, um schlichten Arbeitern bei ihrer eintönigen und schweißtreibenden Tätigkeit zuzuschauen und sie dabei auch noch anzufeuern? Die Callas genötigt gegen den Lärm einer Kreissäge oder einer Betonmischmaschine anzusingen? Perlen vor die Säue? Eintracht Frankfurt gegen Lautern, Bochum, Essen, Offenbach? Undenkbar? Eben.

Ich hatte mich damit abgefunden, dass die Fußballkunst meiner Helden keine Fließbandware war, kein Produkt, dass man beliebig zu jeder Zeit und an jedem Ort hätte wiederholen können. So wie ein Dichter zumindest einen Einfall braucht, um ein gelungenes Werk zu erschaffen, mussten unsere Adler vor und von ihrem Auftritt inspiriert werden. Keine Inspiration – kein Feuerwerk. Schluss. Aus. Vorbei. Das wäre ja noch schöner...

Deutscher Meister, das fühlte ich, würde diese Elf wahrscheinlich nie werden. Dafür war sie nicht durchschnittlich, nicht gewöhnlich genug. Wie ein Komet musste sie nach einem furiosen Finale in ihrem eigenen Feuer verglühen, um dann aber wie ein Phoenix aus der Asche aufzuerstehen und das nächste Feuerwerk genialer Pässe und unwiderstehlicher Dribblings abzubrennen.

Was ist schon die 20. Deutsche Meisterschaft gegen ein paar Dutzend Fußballspiele, die dich an einen göttlichen Funken im Menschen glauben lassen? Diese Auftritte unserer Eintracht waren Kunstwerke, auf die ich ebenso wenig verzichten möchte, wie andere Menschen auf Goethes Faust, Mozarts Don Giovanni oder Leonardo Da Vincis Mona Lisa.

Dr. Hammers Freistöße – auch liebevoll Flattermänner genannt – waren für den gegnerischen Torwart so gefährlich wie der sprichwörtliche Ritt auf der Kanonenkugel. Aus irgendeinem Grund höre ich immer den Klang von Wagners Walkürenritt, wenn ich an die Knaller von Bernd Nickel denke. Dabei hatte er bereits am 29. Mai 1971 sein Ticket für die Unsterblichkeit gelöst: mit seinem Fallrückzieher gegen die Unaussprechlichen von der anderen Maiseite. So wie sich der zweite Tenor im selben Spiel mit seinem Flugkopfball die Unsterblichkeit ebenfalls sicherte: Bernd Hölzenbein.

Bei unserem Wellenreiter und Slalomläufer Holz hatte ich allerdings eher die Musik der Beach Boys im Ohr. Immer leicht wie eine Feder im Wind, aber auch fragil, zerbrechlich wirkend, wirbelte er durch die gegnerischen Abwehrreihen, wie Robbie Nash über die perfekte Welle oder Ingemar Stenmark zwischen den Slalomstangen. Merengue-Tänzer und Break Dancer wirkten gegen das fleischgewordene Schlitzohr so hüftsteif wie ein Preisboxer vom Rummelplatz.

Holz – das war der endlose Summer, den die Beach Boys immer beschworen, aber im Gegensatz zu Holz irgendwann verloren. Schade, dass Holz seine Karriere in Florida und nicht in Kalifornien beendete...

Diese beiden überragte nur noch einer: Grabi! Der Biebricher Bub behandelte den Ball wie Yehudi Menuhin eine Stradivari, wie B. B. King seine Lucille oder Apocalyptica ihre Celli – mit Respekt, Liebe und Leidenschaft, wie eine Kostbarkeit, die man nicht leichtfertig hergibt, schon gar nicht einem Gegner. Einem kongenialen Mitspieler dagegen legt man diese Kostbarkeit gerne in die sorgfältigen Hände oder besser: spielt sie gerne in die sensiblen Füße.
Lasst die angebliche „Lichtgestalt“ Franz Beckenbauer nur als den „Kaiser“ durch die Medienlandschaft wandern. Was ist ein „Kaiser“ denn anderes, als ein Mensch, der sich über andere Menschen erhebt?
Grabi dagegen ist immer einer von uns geblieben, hat uns an seiner Fußballkunst teilhaben lassen und uns so einige wahrhaft göttliche Momente geschenkt.

Danke, Grabi, für jeden einzelnen Augenblick!

Seit dieser Zeit trage ich die Eintracht in meinem Herzen und weiß:
es ist niemals Schluss, schon gar nicht Aus und erst recht nie Vorbei!

Nachtrag:

Mit der Meisterschaft hätte ich mich in dieser Saison 76/77 beinahe vertan: Nach dem 1:4 gegen Dortmund musste Hans-Dieter Roos gehen, der ungarische Lebemann und Polterer Gyula Lorant kam und brachte seine Raumdeckung mit. Er erkannte das Potential der Mannschaft und streichelte ihre Seele („Das ist eine intelligente Mannschaft.“), wie es später nur noch einmal Klaus Toppmöller bei Anthony Yeboah („Der kompletteste Spieler meines Lebens.“) schaffte. Am Ende der Saison, nach 21 Spielen ohne Niederlage, fehlten ganze 2 Pünktchen zur deutschen Meisterschaft.

Wäre nur das erste Spiel unter Lorant in Bremen nicht verloren gegangen oder wäre er eins, zwei Spieltage früher gekommen...

PS für Petermann: Wenn auch Erich Maria Remarque meinte, dass "Vergessenkönnen das Geheimnis ewiger Jugend sei, und wir alt werden durch Erinnerung“, wer mag bei solchen Erinnerungen schon jung bleiben? Denn: „Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können:“ (Jean Paul)

Quelle: eintracht.de


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