Artikel » WM 2006 » VIVA LA FIFA! Artikel-Infos
   

VIVA LA FIFA!
03.03.2006 von udo

Im Freudentaumel über die Weltmeisterschaft haben Politiker und Funktionäre unser Land an den Fußball verschachert. Nun regiert eine ungezügelte Macht, für die nur der Profit zählt.

von THOMAS KISTNER

Das Grußwort des Fifa-Präsidenten Sepp Blatter zur Fußball-WM liest sich wie eine Hymne auf den Veranstalter: Die Welt werde sehen, »was für ein wunderbares Land Deutschland tatsächlich ist; die Schönheit und Vielfältigkeit der Landschaft, das reiche kulturelle Erbe und nicht zuletzt die Freundlichkeit und der Humor der Menschen«. Die Fifa sei beeindruckt von der »legendären deutschen Arbeitsmoral« und deren »Organisationstalent«. Doch bei aller Bewunderung für die deutschen Tugenden, die wichtigen Dinge regelt der Weltfußballverband lieber selbst: Die Deutschen wären sonst womöglich auf die Idee gekommen, Weißbier von Paulaner und Pils von Beck’s im Stadion auszuschenken statt die Getränke der Fifa-Topsponsoren Budweiser und Coca-Cola. Wahrscheinlich hätten sie auch die Teilnehmer und Offiziellen der WM in BMWs und Mercedes durch das Land kutschiert statt in den Limousinen des Fifa-Topsponsors Hyundai. Und mit Sicherheit wären sie nicht auf die Idee gekommen, dem Fifa-Präsidenten einen Thron zu errichten. Deshalb hat Blatter nun verfügt, dass zum Eröffnungsspiel in der Münchner Allianz Arena für ihn und seine Gäste neue Sitze installiert werden – exakt auf Höhe der Mittellinie. Jeder im Stadion und an den Fernsehgeräten in aller Welt soll gleich sehen, wer bei dieser WM das Sagen hat.

Die Geschichte, wie die Fifa die Macht in Deutschland ergriff, beginnt vor vier Jahren in einer schmucklosen Behörde am Ufer der Isar in München, dem Bundespatent- und Markenamt. Hier werden die Rechte an Produktnamen und Werbelogos beantragt, geprüft und eingetragen – oder abgelehnt. Die Behörde ist von zentraler Bedeutung für die Fifa, die mehr als fünfzig Begriffe und Logos schützen lassen will: die Zahlen »2006« und »06«, Namensvarianten wie »Dortmund 2006« und »Frankfurt 2006« oder Sätze wie »Die Welt zu Gast bei Freunden«. Es geht um viel Geld, allein aus dem Vertrieb von Fanartikeln mit den WM-Logos erwartet der Weltfußballverband 1,5 Milliarden Euro Umsatz. Zudem hat die Fifa McDonald’s, Adidas, Yahoo und weitere zwölf Topsponsoren mit je 40 Millionen Euro zur Kasse gebeten und ihnen dafür exklusiv zugesichert, dass sie ihre Unternehmen in der Öffentlichkeit als »offizielle Partner« der WM 2006 präsentieren dürfen.

Zum Ärger der Fifa wehrt das Bundespatent- und Markenamt alle Anträge des Weltfußballverbandes ab. Ein Super-GAU für die Verantwortlichen, die eine Weltverschwörung aus Trittbrettfahrern fürchten: Firmen, die mit der WM imagefördernd werben könnten, ohne dafür ihren Obolus an den Weltverband zu entrichten. Das gilt es mit aller Macht zu verhindern, auch gegen den Widerstand von ein paar allzu gesetzestreuen Beamten.

Im Dezember 2002 macht Beate Schmidt, Leiterin der Hauptabteilung 3 im Bundespatentamt, eine bestürzende Entdeckung: Auf die Beamten ihrer Dienststelle wurde wiederholt von höchster Stelle Druck ausgeübt. »Vertreter der Fifa haben sich wegen der Wortmarke ›WM 2006‹ an die Bundesministerin der Justiz gewandt«, schreibt Schmidt an ihre Vorgesetzten. Der zuständige Prüfer in der Außenstelle in Jena habe darauf »unmittelbar« an das Ministerium berichten müssen. Die Fifa agiere »ausschließlich auf der politischen Schiene«, zürnt Schmidt und pocht auf die Rechtsposition ihrer Behörde, wonach sich Allgemeinbegriffe wie »WM 2006« nicht schützen ließen.

Was die Beamtin nicht ahnt: Die Fifa genießt schon dreieinhalb Jahre vor dem Anstoß zur WM in Deutschland Sonderrechte. Zwar behauptet das Justizministerium, die Ministerin habe keinen Einfluss ausgeübt. Trotzdem erhält im März 2003 der Weltfußballverband ein schillerndes Sammelsurium an Einträgen, darunter »WM 2006« – obwohl in Deutschland im Jahr 2006 auch Weltturniere im Reiten, Hockey, Hallenrad stattfinden. Umgehend protestieren der Schokoladenhersteller Ferrero, der mit der WM werben wollte, sowie zwei weitere Interessenten. Als ihre Anwälte die Akte im Patent- und Markenamt einsehen wollen, fehlen ein paar Seiten. Es sind die pikantesten: die Klagen des Patentamts und die Beschwerden der Fifa. Sie tauchen erst nach einem juristischen Intermezzo auf – und offenbaren, dass der Fifa-Anwalt beim zuständigen Sachbearbeiter sogar gedroht hatte, er werde »an höchster Stelle sowohl im Justizministerium als auch im Innenministerium unterstützt«. Süffisant verwies er auf den »Prestigeverlust für diejenigen Kreise, die sich bis an die Grenzen des Möglichen eingesetzt haben, die WM in Deutschland« zu veranstalten – die Regierung von Fußballkanzler Gerhard Schröder. Selbstgewiss attackierte der Fifa-Marketingchef Gregor Lentze am 26. November 2002 bei der Justizministerin das Patentamt für dessen »nicht erklärbare« Haltung – und das Ministerium reagierte in großer Eile.

Dass die Fifa in den Besitz aller möglichen Begriffe rund um die WM geriet, hat zur Folge, dass sich das Veranstalterland zügig in eine Fifa-Werbefläche verwandelt. Zwar schlägt das Patentamt 2003 zurück und gibt dem Antrag von Ferrero und anderen Firmen statt, die Fifa-Marken, also die geschützten Begriffe wie »WM 2006«, wieder zu löschen. Doch die Fifa schleppt die Sache routiniert durch die Instanzen. Unbeeindruckt auch von der Abfuhr in Runde zwei, vor dem Bundespatentgericht, zieht sie zum Bundesgerichtshof, darauf hoffend, das oberste deutsche Gericht für Zivilverfahren werde erst nach der WM Zeit für das Markengezänk finden. Bis zur endgültigen Klärung des Streits bleibt der Markenschutz bestehen und Firmen riskieren hohe Schadensersatzklagen, wenn sie dagegen verstoßen.

Mit diesem Freibrief im Gepäck baut die Fifa so rigide Vorgaben auf, dass Deutschland 2006 ein Ausrichter ohne großen Einfluss zu werden droht. Die Republik, die sich als »Land der Ideen« präsentieren wollte, hat sich in ein frustriertes Fifa-Land verwandelt: Alles dreht sich um Marken und Rechte, es wird gestritten, gedroht, geklagt. »Wenn die Fifa so weitermacht«, warnt Bayern-Manager Uli Hoeneß, »schafft sie es, die WM noch in Misskredit zu bringen.«

Dabei hatte Schröders fußballselige Regierung der Fifa die wichtigsten Rechte schon während der Bewerbung garantiert – damals, als Franz Beckenbauer und sein Geheimrat Fedor Radmann um den Globus tourten. Der Weltverband erhob dreiste Forderungen, die sogar nationales Recht aushebeln. Wer nicht spurt, braucht gar nicht zu kandidieren, lautete die Ansage – und Berlin kuschte. Die Fifa und Partner erhielten Befreiung von Steuern aller Art sowie von Visa-, Zoll- und Arbeitsrechtsbestimmungen gewährt. Bei der WM-Vergabe 2000 in Zürich stand der Kanzler dann persönlich daumendrückend vor Sepp Blatter und Konsorten stramm. Andere beteiligte Staatschefs wie Nelson Mandela, Tony Blair und König Hassan von Marokko verkniffen sich den Dressurakt und blieben zu Hause.

In diesem Klima wurde Servilität gegenüber der Fifa auch zur ersten Pflicht für alle Kommunalpolitiker. Es geht ja um Deutschland, die depressive Nation und ihre laue Wirtschaft sollen am Ball genesen wie einst im Berner Wunderjahr 1954. Die Städte zieht der Weltverband schon über den Tisch, als sie noch darum rangeln, wer WM-Ort werden darf. Er überrumpelt sie mit einem Pflichtenheft, das alle Kandidaten abnicken müssen. Auf die Idee, juristische Beratung hinzuzuziehen, kommt keiner. Diese Naivität rächt sich, seit 2003 der Fifa-Marketingchef Lentze und seine Agenten mit ihrem umstrittenen Rechtekatalog anrückten. Von einer Villa am Englischen Garten aus, Tür an Tür mit der Münchner Filiale des WM-Organisationskomitees, ihres erklärten Vollzugsgehilfen, sorgen sie dafür, dass die Welt bald zu Gast in Absurdistan ist.

»Verbindlich im Ton, ultimativ im Inhalt«, so eine WM-Bürochefin, boxe die Fifa ihre Interessen durch. Fast jeder Satz im Pflichtenheft wird im eigenen Sinne interpretiert. Schon in der Präambel heißt es: Der DFB und das Organisationskomitee unterliegen »der Überwachung und Kontrolle der Fifa, die in allen Punkten letztinstanzlich entscheidet«. Wer nicht spurt, wird in Einzelverhandlungen auf Linie gebracht, nicht zuletzt mit der Drohung, man könne auch andere Städte einsetzen. Hamburg erlebte das im Vorjahr, als der Internetanbieter und Stadionbetreiber AOL mit seiner Arena Eigenwerbung als WM-Stätte betrieb. Die Fifa drohte mit Entzug der Spiele, auf rechtlich dünnem Eis: Laut Pflichtenheft müssen die Stadien erst zwei Wochen vor WM-Eröffnung übergeben werden, dann werbefrei. Doch die Stadt beugte sich und der HSV zahlte AOL eine Kompensation. »Wie alle Städte will Hamburg keinen Ärger mit der Fifa«, sagt der Medienberater Karl-Heinz Blumenberg von der Marketing GmbH.

Selten bietet ein renitenter Geist wie Münchens Oberbürgermeister Christian Ude die Stirn, der sogar unbeeindruckt blieb, als Beckenbauer und Horst R. Schmidt, der Vizepräsident des WM-Organisationskomitees, persönlich bei ihm aufkreuzten – es ging wieder mal um ein paar lumpige Euros mehr für die WM-Macher. Die Fifa hatte das Grünwalder Stadion als Trainingsstätte erwählt. Laut Pflichtenheft muss es über fünf Wochen werbefrei sein, abgesperrt und ohne Pächter. Daraufhin schickte das Münchner Sportamt im Sommer 2005 eine Rechnung an das OK. Der Stadt entgehen ja sonst 15000 Euro – Geld, das Münchner Klubs und Jugendabteilungen für die Nutzung in dieser Zeit zahlen würden. Die milliardenschwere Fifa indes forderte das Stadion kostenlos. Trotzdem blieb die Stadt bei der Ansicht, dass in Zeiten, da selbst Behindertensportler an kommunale Einrichtungen zahlen müssen, solche Geldgeschenke ziemlich unappetitlich sind. »Warum soll die Allgemeinheit darauf verzichten«, sagt der Sportamtschef Rudolf Behacker, »wo es nur ums reine Geschäft geht?«

Ude beklagt »Knebelverträge« einer Fifa, die sich als »Weltregierung« aufführe, sein Kollege Bernhard Deubig in Kaiserslautern schimpft über »knallharte Bedingungen«. Doch nur Hamburg wagte es bisher, juristischen Beistand anzuheuern. Andernorts wird, wer nur daran denkt, von Vorgesetzten ausgebremst. »Alles Wichtige wird auf politischer Ebene geregelt«, bekam ein süddeutscher Bürochef zu hören, der auf Hilfe von Juristen drängte. In Hamburg, sagt Blumenberg, hat sich das Engagement der Kanzlei Lovells bereits gelohnt. Der Anwalt Stefan Engels und Kollegen betreuen immer mehr Firmen, die Angst vor drakonischen Strafen haben. Diese Angst sei im Interesse der Fifa, folgern die Juristen. »Die Mandanten werden sehr vorsichtig«; kaum einer wagt es, seine rechtlichen Möglichkeiten bei der Werbung mit der WM auszuschöpfen.

Auf politischer Ebene herrscht ohnehin nur die Fifa. Die Städte haben »lizenzierte Bereiche«, um die Stadien zu schaffen, martialisch umzäunte Bannmeilen für Werbeflächen, die für die Topsponsoren reserviert sind. Oder Fan-feste mit Riesenleinwänden, Public Viewing – vier Topsponsoren stellen etwas Grundausrüstung und werben wochenlang in erster Reihe, auf städtischem Grund. Im Münchner Olympiapark, am Berliner Spreebogen, auf dem Hamburger Heiligengeistfeld, am Frankfurter Mainufer oder auf dem Stuttgarter Schlossplatz – überall dürfen die lokalen Sponsoren allenfalls am Rande mitmischen. Sind die Partys am Ende defizitär, haften allerdings Stadt oder Land dafür. Das Public Viewing gilt der Fifa als Event der B-Kategorie. Es hat einen WM-Bezug, also läuft nichts ohne die Sponsoren. Das gilt bei A-Events wie den Spielen sowieso, doch gibt es auch noch C-Events, über die sich prächtig ins lokale Wirtschaftsleben funken lässt: Events also ohne echten WM-Bezug. Mit ihrer uneingeschränkten Deutungshoheit in Sachen WM entscheidet die Fifa sogar bei Theater- und Museumsveranstaltungen darüber, ob sie als Klasse B oder C einzustufen sind. Wenn also ein Theaterstück mit dem Begriff »WM« im Titel liefe, droht schon ein Eingriff der Fifa, ebenso wenn ein Fußballkabarett in der Pause ein Bier ausschenkt, das nicht vom WM-Sponsor der Fifa stammt. In Hamburg, wo ein Privatveranstalter am Rand des Public-Viewing-Areals am Heiligengeistfeld Indoor-Fußball anbieten will, läuft schon seit Sommer 2005 der Streit mit der Fifa: Ist das Eventklasse B oder C? Der Ausgang könnte letztlich egal sein, wenn sich der Streit nur lang genug hinzieht, dass lokale Firmen die Lust an dem Event verlieren und ihre Werbemittel anderweitig einsetzen – »auf Zeit spielen« heißt diese Taktik der Fifa im Fußball.

So pathologisch wie die Regulierungswut ist auch der Kontrollwahn der Fifa, die bei der WM hundert Aufpasser durchs Land schicken will. Zwischendurch hieß es einmal, wer als Zuschauer im Stadion Bekleidung mit Werbemerkmalen der Sponsorenkonkurrenz trage, müsse sich auf eine neue Kleiderordnung im Fifa-Land gefasst machen und die Außenseite nach innen tragen – so schlimm soll es nun nicht kommen. Oder doch? Auf manchen städtischen Fluren raunen die Mitarbeiter, es werde von ihnen erwartet, dass sie während der WM Schuhe und anderes Sponsorenoutfit tragen. Sicher ist: Durch die Städte verlaufen Protokollstrecken vom Hotel der Fifa-Fürsten bis zur Arena, auf denen alle Werbeflächen verdeckt sein müssen. Ausgenommen natürlich die Werbeflächen der Fifa-Topsponsoren. Nur wenige Kommunen wie München können sich wehren. Die Bayern fügten in ihre Verträge den Zusatz »soweit nicht Rechte Dritter berührt sind« ein. Kommunen, die das nicht taten, müssen hohe Ausfallkosten fürchten, wenn sie der Fifa-Direktive folgen und wochenlang Reklameflächen abdecken, die von den werbenden Firmen bereits teuer bezahlt wurden.

Mit Wucht trifft es auch die Kleinen: Bäckern wie Kioskbetreibern droht ein Klage-Gewitter. Gut 600 Fälle von Ambush-Marketing, sprich Werbeparasiten, hat die Fifa bereits erspäht – und wiegelt ab, nur jeder Siebte komme vor Gericht. Bayerns Einzelhandelsverbandschef Bernd Ohlmann sieht »eine eigene WM-Polizei« aufmarschieren; »WM-Stasi« wäre wohl treffender. Besonders beunruhigt die Städte die Absicht der Inspektoren, den arglos werbenden Griechenwirt an der Ecke nicht selbst anzusprechen, sondern ihm das lokale Ordnungsamt auf den Hals zu hetzen.

Die Fifa besitzt die WM, sie hält das Monopol am beliebtesten Sport des Erdballs. Sepp Blatter, ihr Boss, der gern Schauspieler geworden wäre, predigt auf allen Bühnen der Welt darüber, dass schon der Fötus im Mutterleib kickt, und schielt nach dem Friedensnobelpreis. Nicht ganz in diese heile Welt passt nur das Treiben des Schweizer Korruptionsermittlers Thomas Hildbrand, der im November Blatters Präsidentenbüro durchsuchen ließ. Derweil drehen seine Manager für das immer selbe Produkt alle vier Jahre an der Preisschraube. Dieses Privileg lässt sich schamlos ausreizen, die Fifa paart ihr Null-Toleranz-Marketing mit einer Null-Transparenz-Politik in eigener Sache.

Man sei »stolz, die WM ohne öffentliche Gelder zu finanzieren«, betont der Chefcontroller Lentze: »durch Sponsoren- und TV-Einnahmen«. Das ist der Kleister, der die bunte Mär zusammenhält. Denn setzt man die 700 Millionen Euro der Topsponsoren gegen all die Euro-Milliarden, die der Steuerzahler für Stadien, Infrastruktur, Sicherheit zuschießt, verbleiben den Weltkonzernen – nach Abzug der Steuerrückflüsse – Ausgaben im Peanuts-Format für Werbezonen, die so groß wie Vorstädte sind.

Bei vielen deutschen Konzernen hat sich bereits der Frust angestaut. Wie bei der Lufthansa, der kürzlich Lentze und WM-Organisator Wolfgang Niersbach die Leviten lasen. Die Airline hat die Bugnasen von dreißig Fliegern mit schwarz-weißen Fußbällen lackiert und lud die Welt »ins Gastgeberland Deutschland« ein. Prompt kam der Inspektor. Ob ihn der Fifa-Sponsor Emirates geschickt hatte, die arabische Fluglinie, die Deutschland und Europa den Rang als Drehkreuz für Flüge nach Fernost und Australien ablaufen will, ist nur ein Gerücht. Fest steht, dass in Frankfurt eine Krisenrunde von Fifa und Organisationskomitee tagte, mit dem Lufthansa-Marketingvorstand Thierry Antinori. Gerügt worden seien Werbe- und Webauftritte der Airline, sagt der Firmen-Sportbeauftragte Hans-Werner Poppe, die Lufthansa wolle nun »stärker die Partnerschaft mit dem DFB betonen«.

Dabei lehrt auch diese WM, dass das Event vor nichts mehr Schutz bräuchte als vor den Fifa-Bossen selbst. Etwa vor Jack Warner, Vizepräsident aus Trinidad/Tobago, der Tausende Tickets für seine Insel in die eigene Tasche zu wirtschaften versuchte. Warner hatte seine private Reiseagentur Simpaul Travels zum Alleinanbieter gemacht und offerierte aberwitzige Pauschalangebote: drei Tickets plus zwölf Tage Doppelzimmer für rund 5000 Euro – ohne Überseeflug und Transport im WM-Land. Als die internationale Presse berichtete, brachte Warner den eigenen Sündenfall flott vor die Fifa-Ethikkommission. Und die konnte nicht anders: Mitte Februar konstatierte sie einen Interessenkonflikt. Eine nette Umschreibung für einen derart offenkundigen Versuch der Selbstbereicherung. Doch Blatter braucht den mafiösen Warner, der ihm stets so verlässlich die Wählerstimmen in der karibischen Region besorgt. Nach der WM rollen höchstwahrscheinlich schwere Geschütze auf den Fifa-Chef zu: Was, wenn der Staatsanwalt Hildbrand bei der Razzia in Blatters Zürcher Büro fündig wurde? Was, wenn die Manager der bankrotten Fifa-Hausagentur ISL auspacken, die nach der WM vor den Strafrichter treten? Es geht um Schmiergelder, auch an Funktionäre der Fifa.

Die deutsche Justiz kippt die Kickerbosse womöglich schon vor der WM vom Sockel. Der Bundesgerichtshof hat die Brisanz des Marken-Streits im WM-Land erkannt, er will die Sache nun schon im April entscheiden. Ein gutes Zeichen, frohlocken am Verfahren beteiligte Anwälte wie der Münchner Konstantin Wegner: »Wenn der BGH die Marken löscht, wäre das eine ganz erhebliche Schwächung der Fifa. Es würde ihr wichtigstes Instrument zerstören.« Und das grummelnde Fifa-Land könnte sich doch noch in ein unbeschwertes Fußball-Deutschland verwandeln.

Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de


Druckansicht   druckbare Version anzeigen
Seite empfehlen   Artikel empfehlen
0 Kommentar(e)   kommentieren
 
Wertung ø 5,50
2 Stimme(n)
Seitenanfang nach oben