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Bundesliga "Thomas Fricke: Bayern muss wieder verlieren"
23.02.2006 von udo

Noch nie standen die Meister fast aller europäischer Top-Fußballligen so früh fest wie diesmal - bevor es überhaupt spannend wurde. Ein Fall entweder fürs Kartellamt oder für ein Abschieben der Monopolsieger.

Eindeutig marktbeherrschend. Karl Marx hatte doch Recht. Der Kapitalismus tendiert zu gräuslichen Monopolbildungen, die den Markt außer Kraft setzen. Verschätzt hat sich Marx nur darin, dass das erst in den ersten Wochen 2006 unerträgliche Ausmaße annehmen würde - seit feststeht, dass Bayern München seinen Monopolanspruch auf die deutsche Fußballmeisterschaft diesmal schon zur Saison-Halbzeit umsetzt.

Der weltgrößte Wettanbieter Betfair hat daraufhin diese Woche angekündigt, dass er ab sofort keine Wetten mehr auf die Bayern annimmt und den Verein wegen Überlegenheit aus dem Wettbewerb holt. Kapitalismus kaputt.

Der Schritt hat etwas Hochsymbolisches. In sämtlichen europäischen Topligen stehen kurz nach der Winterpause die Meister so gut wie fest, bevor es ansatzweise spannend werden konnte. Entscheidend war immer das akkumulierte Kapital. Tendenz steigend. Da hilft nach bewährter bundesdeutscher Manier nur noch das Kartellamt - oder die rasche Ausweisung bayerischer Großgeldklubs nach Europa. Viel Spaß dort.

Zehn Punkte Vorsprung haben die Bayern derzeit auf den Zweiten der Bundesliga, bis Platz vier sind es schon 15 Punkte. In Italien heißen die Bayern Juve, die Turiner deklassieren die Pseudokonkurrenz um 12 und 16 Punkte. In Frankreich demütigt Lyon den Rest, und auf der Insel hält Chelsea die Laufkundschaft mit 21 Punkten bis Platz vier zum Narren. Nur Spaniens FC Barcelona täuscht seit zwei Spieltagen Schwäche vor und wiegt die ausgebeutete Restliga vorübergehend in der Illusion, dass doch noch was Spannendes passieren könnte.

Monopolkapitalistische Spitzenreiter

Das Schlimme ist, dass die Chancen der anderen derzeit mit jeder Spielzeit weiter zu schwinden scheinen. In der Bundesliga hat es kein einziger Aufsteiger der vergangenen zwei Jahre in die erste Tabellenhälfte geschafft; sie belegen zurzeit sechs der acht letzten Plätze. Und was dahintersteckt, liegt nahe. Die designierten monopolkapitalistischen Spitzenreiter der europäischen Topligen sind auch die, die in ihren Ländern mit Abstand die teuersten Spieler akkumulieren.

Nach der am Donnerstag veröffentlichten 2005er Rangliste der geldgrößten Fußballvereine der Welt stehen Bayern, Barça, Chelsea und Juve alle weit vorne. Wie die neue Auswertung der Unternehmensberatung Deloitte ergab, machen diese großen vier mit je 190 bis 230 Mio. Euro mittlerweile doppelt so viel Umsatz wie selbst unmittelbar folgende Konkurrenten à la Schalke. Geradezu hinreißend, wenn Bayerns Manager beklagen, dass sie zu wenig Geld haben.

Von wegen. Nach deutschem Kartellrecht liegt eine gefährliche Marktbeherrschung vor, wenn ein Unternehmen "keinem wesentlichen Wettbewerb" mehr ausgesetzt ist. Das trifft hier eindeutig zu. Ab einem Drittel Marktanteil gilt sogar die Monopolvermutung. Die Bayern haben mehr als 80 Prozent aller Spiele der laufenden Saison gewonnen, 70 Prozent aller Meisterschaften der vergangenen zehn Jahre und 100 Prozent der großen deutschen Titel 2005. Und sie verwalten immerhin fast 20 Prozent der geschätzten Transferwerte sämtlicher Bundesligaspieler; in Spaniens Primera Division beschäftigen die ersten drei sogar das halbe Humankapital der insgesamt 20 Vereine.

In Amerika werden derart monopolisierende Konzerne einfach zerschlagen. Das wäre vielleicht ein bisschen hart, mit nur noch sechs Feldspielern würden selbst die Bayern Konditionsprobleme bekommen. Eine andere Variante wäre, den Verein nach Bundeskartellamts-Tradition einfach mit ein paar Auflagen zu belegen. Etwa so: Der Erste muss, wenn er während der Saison eine näher zu definierende Übermachtstellung erreicht, seinen teuersten Spieler automatisch an den Tabellenletzten abgeben. Dann müsste Michael Ballack jetzt zum 1. FC Köln, statt womöglich zu den Altherrenstars von Real Madrid, wie seit Monaten gemunkelt wird.

Absehbar ist, dass die Bayern spätestens dann allerdings wieder zu jammern anfangen, dass sie mit solchen Hindernissen und ohne die freiwillige finanzielle Selbstaufgabe der deutschen Ligakonkurrenz überhaupt nicht mehr mit der noch viel reicheren Konkurrenz auf europäischer Topebene mithalten können (weshalb sie ja unbedingt auch noch mehr TV-Gelder brauchen). Das geht natürlich auch nicht.

Keine Karnevalskonkurrenz mehr

Bliebe noch als Ausweg, die Marktdefinition zu erweitern und die Bayern hochachtungsvoll nach Europa abzuschieben. Europas Topvereine könnten ihre eigene Liga gründen, dort mit jeweils ähnlich dreistelligen Millionen-Budgets Woche für Woche in einer eigenen Meisterschaft gegeneinander antreten und am Ende einen Supermeister ermitteln. Die Letzten der Tabelle würden am Ende jeweils in ihre nationale Liga absteigen, während der dortige Meister dann in die Euro-Liga aufsteigt, so ähnlich wie das in Deutschland, sagen wir, zwischen Regional- und Oberliga ja auch praktiziert wird.

Der Vorteil für Bayern wäre, dass sie sich erstens nicht mehr anhören müssten, sie würden ohnehin immer Meister. Zum Zweiten bräuchten sie ihre Wochenenden nicht mehr bei Karnevalsvereinen zu verbringen. Umgekehrt könnten vielleicht sogar Schalke und Leverkusen deutsche Meister werden und müssten nicht mehr sinnlos Tore vor sich hin schießen.

Könnte sein, dass Bayern-Anhänger dann vorübergehend psychologische Betreuung brauchen - wenn Herr Kahn sich künftig in der zweiten Tabellenhälfte festsetzt. Oder mit Chelsea auch mal gegen den drohenden Abstieg spielt.

Für den Rest der Welt wäre selbst das in jedem Fall die schönere Perspektive. Der Verkrustungstrend zum Einheitsmeister ist nicht nur fußballerisch langweilig, sondern auch stark systemgefährdend. Mit oder ohne Marx: Auch die DDR hat sich damals immerhin aufzulösen begonnen, nachdem dort der Berliner FC Dynamo 1988 im zehnten Jahr in ununterbrochener Folge Fußballmeister geworden war."

Thomas Fricke ist Chefökonom der Financial Times Deutschland. Er schreibt jeden Freitag an dieser Stelle.

Quelle: Financial Times 17. 2. 06


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