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Der Weg ins Endspiel
12.03.2005 von udo

Der folgende Text stammt aus einem 1960 im Wilhelm Limpert Verlag veröffentlichtem Taschenbuch, das damals unter dem sinnigen Titel " Schuß - Tor" von Heinz Maegerlein herausgegeben wurde. Die Sprache erscheint uns nach heutigen Maßstäben etwas antiquiert und gibt öfters mal Anlaß zu Heiterkeitsausbrüchen. Andererseits - es ist ein zeitgeschichtliches Dokument. Es kommentiert den Weg der SGE in das Europapokalfinale 1960, welches ja nur knapp mit 3:7 gegen Real Madrid verloren ging. Der Autor dieses ergreifenden Artikels ist der legendäre Erwin Dittberner.

Ich wünsche den hardcore SGE-Fans Frank, Ervin und David viel Spaß bei dieser Lektüre.

Eintrachts "Weg nach Glasgow"

Erste Runde: Über das Freilos gegen den Schweizer Nachbarn. Die Pariser Auslosung der ersten Runde sollte Finnlands Meister Palloseura Helsinki zum Frankfurter Riederwald bringen. Doch die Finnen verzichteten. Schade, sagten sich die Frankfurter. Man hätte gerne einmal eine finnische Fußballelf am Main zu Gast gehabt. Nun gut, es hat nicht sein sollen. Jedenfalls ist nun der Schweizer Meister Young Boys Bern Eintrachts erster Europapokal Gegner. Die Verhandlungen ergaben, daß der Deutsche Meister am 4. November 1959 zunächst im Berner Wankdorf-Stadion antritt. Die Schweizer "Mutzen" sind seit Jahren schon das Paradepferd des eidgenössischen Fußballs. 16 mal Meister, mehrfacher Pokalmeister und- besonders im heimischen Wankdorf- bei großen Spielen ungemein ehrgeizig. Die Mannschaft wird in den letzten Jahren von dem ehemaligen deutschen Internationalen Albert Sing betreut. Zweifellos für die Eintracht ein schwerer Brocken, denn Albert Sing hat ja mit seinem Team schon mehrjährige "Europapokalerfahrung". Seine Mannschaft war sogar schon im Achtelfinale. Paul Oswald, der Eintracht Trainer, hat Sorgen. Sein zuverlässiger Abwehrspieler Eigenbrodt ist verletzt, Rechtsaußen Kreß steht auch nicht zur Verfügung. So muß er wieder einmal improvisieren und stellt Eberhard Schymik, von Haus aus eigentlich Außenläufer in die rechte Verteidigerposition. Rechtsaußen wird Erich Bäumler, ein nie versagender, immer zuverlässig spielender Bursche. Ob's wohl klappen wird?

Und wie sollte es klappen!

Die 40.000 im Berner Wankdorfstadion waren noch nicht richtig warm und blinzelten noch etwas mißmutig ins grelle Flutlicht, da tat's schon den ersten Donnerschlag. Die vierte Spielminute begann gerade. Erwin Stein bekam weit in der Eintracht Hälfte den Ball, lief mit Eilzuggeschwindigkeit auf die Berner Stangen zu. Noch 25 Meter, er wollte gerade schießen, da wurden ihm die Beine unter dem Leib weggerissen. Freistoß. Der blonde Hans Weilbächer, Spezialist für Kraftschüsse lief heran. Heute sagt er: "Der Ball lag mir gerade richtig. Die Abwehrmauer der Schweizer hatte einige Lücken und da sagte ich mir, los jetzt, drück ab, dem Goalmann müssen die Finger weh tun." Und der blonde Hans, der mit seiner Kraft oft nicht weiß wohin, ließ ein "Rohr" vom Stapel, an dem es nichts zu halten gab. Fragen Sie nur den Schweizer Keeper Eich, der wird es bestätigen. Wie von der Schnur gezogen schlug der Ball zum 1:0 im Young Boys Tor ein. Aber die Gastgeber ließen sich so leicht nicht beeindrucken. Schon 20 Minuten später hatte ihr Halbrechter Meier, der 33 mal das Schweizer Nationaltrikot trug, eine Chance. Aus 20 Metern glückte ihm der Ausgleich. Und nun wackelte die Eintracht. Von den Außenläufern Schnyder und Schneiter angekurbelt, tauchten die Gelb-Schwarzen bedrohlich vor Egon Loys Tor auf. Doch als der spanische Schiedsrichter Zarguiegui zur Halbzeit pfiff, hatte sich die Eintracht schon wieder gefangen. Im zweiten Durchgang legte dann der Deutsche Fußballmeister mit seinem 4:1 Sieg den Grundstein für seine bemerkenswerten internationalen Erfolge. Die wenigen deutschen Schlachtenbummler in Bern gerieten schier aus dem Häuschen, als ihre Elf den Schweizer Meister teilweise förmlich auseinander nahm. Freilich, es dauerte bis zur 70. Minute, ehe das erlösende 2:1 durch Stein fiel. Und dann hatte die Eintracht das Spiel noch längst nicht in der Tasche. Bei einem Schweizer Eckball köpfte Meyer ins verlassene Eck, Loy stand auf der anderen Seite. Aber Verteidiger-"Stift" Höfer schlug den Ball, als wär's im Training, von der Linie. Hier konnte einfach nichts mehr passieren. Acht Minuten später: 3:1 für die Eintracht. Wieder war Stein gefährlich am Ball, sein Schuß aus 25 Metern, hart und unheimlich schnell aus dem Fußgelenk, schlug Steffen mit der Hand von der Linie. Elfmeter natürlich. Bäumler, der sich im Training als der zuverlässigste Schütze von Strafstössen herausgestellt hatte, lief an, täuschte kurz. Eich flog in die rechte, der Ball in die linke Ecke. Und nur noch zwölf Minuten zu spielen. Da konnte doch gar nichts mehr schiefgehen. Und endlich, inzwischen waren nur noch sieben Minuten zu spielen, fand Linksaußen Maier mit einem seiner vielen Schüsse auch eine Lücke. Aus schrägem Winkel hatte er Glück und stellte das 4:1 Schlußresultat für seine Mannschaft her.

Freude auf allen Gesichtern. Trainer Oswald und der Spielausschußvorsitzende Ernst Berger schüttelten hunderte von Händen. Die Spieler selbst waren froh, daß es ausgestanden war. Nach der erfrischenden Dusche endlich auch einmal an sich denken dürfen! Da tat das lang vermisste Glas Bier wohl. Prost! Der internationale Start im Europapokal war geglückt.

Rückspiel in Frankfurt 1:1

Das Frankfurter Waldstadion rüstet zum Empfang der Young Boys. Eine neue Flutlichtanlage wurde gebaut, eine der modernsten Anlagen Europas. Am Mittwoch dem 25. November sollte beim Rückspiel Premiere sein. Neben den vereinseigenen Anlagen des FSV und der Eintracht also die dritte Flutlichtanlage im fußballfreudigen Frankfurt. Schon auf dem Weg ins Stadion herrschte so etwas wie Premierenstimmung. Und einig waren sich die Frankfurter Fußballkenner sowieso: Das Rückspiel gegen die Young Boys ist nur noch eine Formalität, mit den Gedanken waren sie schon in der nächsten Runde.

Doch für Albert Sing, den Trainer seiner Young Boys, ging es um mehr. "Ich muß ein gutes Resultat erzielen", sagte er einigen Freunden. "Die Mannschaft hat in den letzten Wochen ihren Nerv verloren. Ein gutes Spiel hier in Frankfurt und ein annehmbares Ergebnis geben der Elf das Selbstvertrauen wieder. Und dann können wir uns auch daheim wieder sehen lassen."

Von dem 1:1 Spiel waren die 35000 Zuschauer nicht gerade überschäumend begeistert. Nicht vom Resultat und auch nicht vom Spiel. Gewiß, die Mannen um Alfred Pfaff enttäuschten nicht. Da gab es einige wohlgelungene Ballstafetten, Direktpässe, herzhafte Schüsse und Kampfszenen in Hülle und Fülle. Aber dem Spiel fehlte der Glanz großer Duelle. Die auf ein gutes Resultat erpichten Schweizer kamen mit dem allseits gefürchteten "Doppelstopper" ins Waldstadion, und der Erfolg war, daß die Eintracht sich in der vielbeinigen Abwehr der Berner festrannte. Ja, ein reguläres Feldtor konnte der deutsche Meister überhaupt nicht erzielen. Als Dieter Lindner in der 68. Minute aufs Tor köpfen wollte, wurde er mit beiden Händen weggestoßen. Schiedsrichter Blanco Perez aus Spanien deutete auf die berühmte Marke. Und wieder verwandelte Erich Bäumler, der diesmal für Meier Linksaußen spielte, den Strafstoß unhaltbar.

Fast mit dem Schlußpfiff zusammen fiel der Schweizer Ausgleich, verdient übrigens. Mittelstürmer Schneider schoss von der Strafraumgrenze scharf und unhaltbar flach ein.

Na ja, dachten sich die Zuschauer auf dem Heimweg. Mal sehen, was jetzt kommt. Die Auslosung konnte die beiden spanischen Clubs Real und FC Barcelona bringen. Oder Englands Meister Wolverhampton Wanderers, der gerade Roter Stern Belgrad ausgeschaltet hatte. Oder die Glasgow Rangers vielleicht. Auch der Wiener SK, Sparta Rotterdam und OGC Nizza waren noch im Rennen.

Als es dann raus war ,dass der österreichische Meister der nächste Partner sein wird, war das Echo sehr verschieden.

"Oh je", sagten die Wiener. "Die Eintracht liegt uns überhaupt nicht. Der deutsche Fussball mit der Manndeckung ist Gift für uns." Und dann erinnerte man sich (wenn auch nicht gerne ), daß die Eintracht in Freundschaftsspielen schon zweimal hoher Sieger wurde. 6:1 in Frankfurt und 5:1 in Wien. Nein, gerade erfreut war man nicht bei den Dornbächenern, die dazu auch noch in einer spielerischen Krise steckten. Der gefährliche Rechtsaußen Horak, Stammspieler der Nationalmannschaft, wurde für die österreichische Rekord-Ablöse von 25000 Mark an Admira verkauft ( Admira mußte später doch absteigen), und von den übrigen Sportclubspielern wurde im Moment keiner für die Nationalmannschaft berücksichtigt. Ein Tiefpunkt also, und gerade in dem Moment muß man gegen den zwar befreundeten Nachbarn spielen, aber trotz aller Freundschaft möchte man doch im Fußball beweisen, daß man noch Ansprüche hat.

Über den Wiener SK ins Viertelfinale

Der Tag des ersten Spiels zwischen den beiden Achtelfinalpartnern, Donnerstag der 4. März, war trüb und grau. Regenschwere Wolken zogen über die Mainebene, und als der Schweizer Schiedsrichter Guinnard abends unter Flutlicht im Stadion das Spiel freigab, regnete es "Badewannen" vom Himmel. Die Eintracht hatte wieder Mannschaftssorgen. Stein und Eigenbrodt fehlten, wieder mußte Paul Oswald umbauen. Weilbächer rückte in den Sturm auf, Senior Adolf Bechthold, der "dienstälteste" Eintrachtspieler (er stand schon während des Krieges in der ersten Mannschaft!), übernahm die Stopperrolle. Aber auch die Wiener hatten Schmerzen. Sie mußten auf ihren Tormann Szanwald verzichten, für den der junge Bogner zwischen die Pfosten ging und....... wie sich später herausstellte, seine Sache ganz großartig machte.

45000 hielten es trotz des strömenden Regens aus. Verbissen, ungemein hart und oft auch verkrampft lief das Spiel. Der knappe 2:1 Erfolg der Riederwälder ließ nichts Gutes für das Rückspiel in Wien hoffen. Gewiß, die Wiener konnten mit dem Resultat sehr zufrieden sein. Aber Tore zählen, nicht die Chancen. Als der junge Lindner schon nach 17 Minuten Spielzeit mit einem Kopfball das 1:0 erreichte, schien es eine Weile so, als sollte dieses Tor der Auftakt zu weiteren Eintracht-Treffern sein. Weilbächer schleppte die Bälle im Mittelfeld nach vorn, es gab wie beim Filmzar Cecil de Mille "Massenszenen" im Wiener Strafraum, aber...keine Tore. Der Dauerregen hemmte die "Nur-Techniker", die Athleten wurden die Träger des Spiels. Als gar kurz nach der Pause (49. Minute) Linksaußen Skerlan einen Eckball direkt zum 1:1 verwandelte, schien das Spiel schon fast verloren. Mit Effet hob der gewitzte Wiener den weißen Flutlichtball in Querstangenhöhe herein, und als Loy mit der Faust retten wollte, war es schon zu spät. Der Ball ging ins Netz. Linksaußen Meier schoß dann glücklicherweise noch ein Tor, allerdings war der Treffer stark abseitsverdächtig. So gab es wenigstens noch einen 2:1 Sieg. Die Wiener gingen wie die Sieger vom Platz. 2:1? Kommt ihr nach Wien, dann werden wir's euch zeigen. WSC-Präsident war sehr optimistisch. "Für uns ist das 1:2 ein halber Sieg." Aber das Rückspiel am 16. März im Wiener Praterstadion mußte erst gespielt sein............

Die "Regenschlacht" im Praterstadion

Nein, gut sah es für die Eintracht wirklich nicht aus. Ein Tor Vorsprung nur, dazu auf dem Platz des Gegners, und zu allem Überfluß verletzte sich Außenläufer Stinka auch noch im Training. Paul Oswald lief im "Kummer", dem Eintracht-Hotel wirklich mit "Kummerfalten" herum. Das Haus trug seinen Namen nicht zu Unrecht. "Wenn wir nur frühzeitig ein Tor schießen würden", murmelte er. Am Abend vor dem Spiel ging's geschlossen ins Praterstadion, um die Flutlichtanlage zu prüfen. Ein leichtes Training....Platz und Licht sind in Ordnung. Am Nachmittag des Spieltages treffen in Wien einige hundert Schlachtenbummler ein, die gastfreundliche Millionenstadt an der Donau spricht viel vom bevorstehenden "match". In den Straßen kleine Frankfurter Gruppen mit den schwarz-weißen Eintrachtfähnchen. Zweifellos: Der Fussball hat wieder einmal - wie schon oft bei großen Ereignissen - die politischen Schlagzeilen von der ersten Seite verbannt. Die Wiener Abendzeitungen bringen lange Trainingsberichte, rühmen Steins Schußkraft, Pfaffs technische Fertigkeiten und Weilbächers robuste Kämpferqualitäten. Aber sie sind optimistisch und glauben fest an einen Sieg des Österreichischen Meisters...So mit zwei bis drei Toren Unterschied. Jetzt oder nie ist die Chance, ins Halbfinale vorzudringen.

Derweil knöpft sich Paul Oswald den angeschlagenen Stinka in einem Spezialtraining auf dem Wacker-Platz im Schatten der Schloßmauern von Schönbrunn vor. Es geht. Er kann spielen. Aufatmen im Eintrachtlager. Denn die Verletzung von Lutz genügt schon. Er kann jedenfalls nicht mittun.

Genau wie in Frankfurt fängt es kurz vor dem Spiel an zu regnen. Erst verhalten, Schnürlregen, dann aus Gießkannen bis zum Schlußpfiff. Trotzdem sind 50000 im Praterstadion, als die Mannschaften einlaufen. Der Gastgeber ganz in Weiß, die Eintracht in Rot, mit weißen Ärmeln und Strümpfen. Gleich nach dem Anpfiff wird voll aufgedreht. Die 50000 unterstützen jede Aktion ihrer Mannschaft mit geradezu frenetischem Geschrei. Der allseits berühmte und berüchtigte Hampden-roar in Glasgow ist ein "alter Hut" dagegen.

Aber die Frankfurter lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. Im Gegenteil. Es waren keine vier Minuten gespielt....Eintracht-Angriff von links, Meier zu Stein, und der lässt einen Schuß vom Stapel, den keiner gehalten hätte. Aber das Leder schlägt klatschend an die Innenseite des Pfostens und von dort weit ins Feld zurück. Wenn der der gesessen hätte! Erwin Stein greift sich an den Kopf. Aber es ist keine Zeit, um unnütze Überlegungen anzustellen. Die Wiener wollen um jeden Preis gewinnen und dagegen muß etwas unternommen werden.

Und was die Eintracht-Elf unternimmt, um aus diesem Hexenkessel ungeschoren herauszukommen, das verdient wirklich festgehalten zu werden. Sicher, die beiden Spiele gegen die Rangers aus Glasgow werden in der Erinnerung der Fussballfreunde länger haften bleiben, das Endspiel mit den spanischen Traumtoren auch, aber die kämpferisch größte Leistung boten die Männer im Eintracht-Dress zweifellos im Wiener Prater-Stadion. Fragt die Spieler nur selbst, sie werden es bestätigen. Jeder, vom Torwart bis zum Linksaußen, strampelte sich ab, lief, was die Beine hergaben, setzte sich vorbildlich ein. Es gab in dieser Mannschaft keinen, den man besonders hervorheben könnte. Das Wort "Elf Freunde müßt ihr sein, um Siege zu erringen" wurde nie so deutlich wie an diesem Regenabend auf dem Rasen des Praterstadions...... Doch weiter zum Spiel.

Die Dornbacher hatten den Schock des Steinschen Stangenschußes (den Nachschuß von Linder hielt Szanwald tadellos) sofort überwunden. Angepirscht von den Zuschauern rollte Angriff auf Angriff nach vorne. Eigenbrodt, der Stopper spielte, schuftete für zwei, Weilbächer erkämpfte sich die Bälle zurück, die irgendeiner verloren hatte. Bei Stinka war von einer Verletzung nichts zu sehen, er war überall, wo es brannte. Höfer spielte in Hochform und war nicht zu überlaufen, auch Schymick - der andere Verteidiger - warf sich immer wieder in den Kampf. Da war auch Tormann Loy, der faustete, fing, und wenn's nicht mehr anders ging, herauslief und sich den Ball vom Fuß des Gegners holte. Und da war auch das Wiener Publikum, das solche Szenen objektiv und sportlich anständig ebenso mit Beifall quittierte wie die Aktionen der eigenen Mannschaft. Aber nach halbstündiger Spielzeit war das Führungstor des SK nicht mehr aufzuhalten. Eine Scheiberl - Kombination zwischen Hammerl-Novy und Hof auf dem rechten Flügel führte bis zum Frankfurter Fünfmeterraum. Novy schob den Ball zum mitgelaufenen Hof und der an Loy vorbei. Der Wiener SK führte 1:0. Das Praterstadion war ein Hexenkessel!

Die 50000 jubelten. Jetzt gibt's auch noch mehr goals, meinten sie. "Bindet die Helme fester, Kameraden", meinte Kapitän Alfred Pfaffe. "Nur nicht bange machen lassen", sagte auch Richard Kreß, die elf Eintrachtler waren sich einig: Wir spielen ja auch noch mit. Doch einige Minuten später ein neuer Schock. Mittelläufer Eigenbrodt wird bei einem Zusammenprall mit Hof verletzt, mit schmerzverzerrtem Gesicht humpelt er auf die Reservebank. Oswald holt Weilbächer auf den Stopperposten, Richard Keß kommt zurück und spielt Außenläufer. Es muß ja weitergehen. Doch nach einigen Minuten ist der harte Hans-Walter wieder auf dem Feld. "Jungs", so liest man in seinem Gesicht, "ich bin wieder da. Weiter geht's".

Bei der Pause heißt es immer noch 1:0 für den Wiener SK. In der Eintracht-Kabine sitzen die Spieler bei einer Tasse dampfenden Tees. Nicht einen trockenen Faden haben sie mehr am Körper. Was der Schweiß nicht schaffte, vollendete der Dauerregen. Stein prüft sein Schienbein, er hat einen Tritt "mitbekommen". Ein Pflaster drauf. Weilbächer ebenso. Und Linksaußen Meier, der mehrfach ziemlich böse "genommen" wurde, hat einen dicken Knöchel. Vereinsarzt Dr. Runzheimer hat alle Hände voll zu tun. "Aber glücklicherweise nichts Ernsthaftes", sagte er. Die zweite Halbzeit brachte noch eine Steigerung der Geschehnisse des ersten Durchgangs. Noch verbissener, härter, ja fast gnadenlos wurde gekämpft. Und das Tempo ließ nicht nach. Die Eintracht holte sich langsam, aber sicher, das Mittelfeld. Zwingender wurden die aus der Läuferreihe vorgetragenen Frankfurter Angriffe. Wiens Nationaltormann Szanwald wurde zum meistbeschäftigsten Mann auf dem Felde. Beifall über Beifall bekam er für seine Paraden. Dazwischen gefährliche Vorstösse der Weißhemden, der baumlange Hammers wird gefault, hart an der Strafraumgrenze. Die Zuschauer verlangen tumultartig einen Elfmeter. Riesenpfeifkonzerte, als der Strafstoß ausbleibt.

Nach 15 Minuten heisst es dann 1:1. Dieter Linder hat im Mittelfeld kurz hinter der Mittellinie den Ball. Er führt ihn nicht lange, sieht Stein auf dem rechten Flügel frei. Ein Pass über 25 Meter. Stein nimmt das Leder an, läuft vielleicht noch 20 Meter. Szanwald ist heraus.......aber Stein lässt sich nicht irritieren. An dem fallenden Szanwald vorbei bombt Stein zum 1:1 ein. Elf glückliche Eintrachtspieler liegen sich in den Armen.....und irgendwo im weiten Oval des Praterstadions jubeln ein paar hundert Schlachtenbummler. Man hört nur ihre dünnen Stimmen, die in der gewaltigen Kulisse fast untergehen.

Das Schlußdrittel des Spiels wird dann von der Eintracht diktiert. Noch einmal kommen die Riederwälder zu einem effektvollen Schlußpurt. Eine tolle Szene vor dem Wiener Tor, drei Minuten vor Schluß: Meier drückt ab, ein Bombenschuß klatscht von der Latte zurück, Nachschuß, Szanwald faustet unwahrscheinlich, noch einmal Nachschuß, Büllwatsch holt den Ball von der Linie im letzten Einsatz....kein Tor. Als der Schlußpfiff kommt, gibt es für den Gast aus Frankfurt lebhaften und verdienten Beifall. So sind halt die Wiener. Erst wurden die Gäste zusammengepfiffen, dann die eigene Mannschaft, und schließlich noch der Gegner gefeiert. Da mach einer was dran.

In der Kabine überstürzten sich die Gratulanten. Jeder wollte jedem die Hand drücken. Und spontan fand sich die Mannschaft zu ihrem Leib - und Magenlied..... "So ein Tag, so wunderschön wie heute....." Elf Spieler, Trainer, Präsident, Begleiter und Schlachtenbummler, die den Weg in die Kabine gefunden hatten. Alle sangen, und wenn ich mich nicht täusche, drückte sogar mach einer von ihnen verschämt und unauffällig eine Träne weg.

An diesem Tag durfte gefeiert werden. Die Bar im Hotel "Kummer" war gegen Mitternacht schon geschlossen, als die Frankfurter eintrafen und noch ein Gläschen verlangten.

So schnell war noch nie eine Bar wieder eröffnet worden!

Die Eintracht stand im Halbfinale des Europapokals! Das war noch nie einer deutschen Mannschaft gelungen. Und neben dem sportlichen Ruhm - auch das ist für einen grossen Klub sehr wichtig - kam auch blanke D-Mark in die Kasse. Der Meister vom Riederwald konnte es gut brauchen. Die Vortribüne wurde neu gebaut. Ganz modern mit unterirdischer Kegelbahn, modernen Räumen usw. Das Geld war willkommen.

Und es sollte noch viel mehr dazukommen.

Inzwischen zog am Riederwald wieder der Fußball-Alltag ein. Vier Tage nach Wien mußte Eintracht Frankfurt erneut in die Routine des Terminkalenders zurück. In Freiburg mußte gegen den FC im süddeutschen Pokal gespielt werden. Auch das noch. Wer wollte den Frankfurtern verdenken, dass sie sich angesichts der kommenden Aufgaben kein Bein ausrissen? Aber dann wurde es doch mulmig, als die Freiburger schon nach einer Viertelstunde 2:0 führten. Aber schließlich gewann die Eintracht noch 3:2. Auch hier schoß Erwin Stein wieder einmal das entscheidende Tor - in der letzten Sekunde des Treffens. Zwar "nur" gegen den Freiburger FC...... aber immerhin. Er schoss d a s entscheidende Tor!

Die neue Auslosung in Paris ließ die Eintrachtfreunde jubeln. Entweder Glasgow Rangers oder Sparta Rotterdam. Also weder der FC Barcelona noch der vierfache Gewinner Real Madrid. Die beiden spanischen Clubs mußten sich in der Vorschlußrunde miteinander um den Einzug ins Endspiel raufen. So wollte es das Los.

Und die Eintracht also entweder gegen Glasgow oder gegen Rotterdam. Beide Mannschaften trennten sich in ihren beiden Spielen tor- und punktgleich. Also mußte ein Entscheidungsspiel angesetzt werden, das am 30. März in London über die Bühne ging.

Dreimal dürfen Sie raten, wer sich das Spiel ansah?

Paul Oswald natürlich. Der Eintracht-Trainer ließ sich die große Chance doch nicht entgehen, seinen zukünftigen Gegner unter die Lupe zu nehmen. Wie Sie, geneigter Leser, wissen, gewannen die Schotten und qualifizierten sich damit also zusammen mit Eintracht Frankfurt für das Halbfinale.

Oswald meinte nach seiner Rückkehr: "Eine schnell und schnörkellos spielende Mannschaft, die den geraden Weg zum Tor sucht. Nicht überaus hart, jedenfalls nicht so hart, wie man hier landläufig die Schotten einstuft. Gute Halbstürmer, vielleicht ein wenig zu handwerksmässig. Aber bei den Burschen muss man verdammt aufpassen. Es ist sehr gut, daß ich Gelegenheit hatte, die Mannschaft in einem großen Kampf mit Einsatz zu sehen. Ich mache mir schon meine Gedanken, darauf kann man sich verlassen".

Nun galt es, den deutschen Fussball würdig zu vertreten. Denn inzwischen war das Vordringen der Frankfurter Eintracht im Europacup nicht mehr eine Frankfurter Angelegenheit geblieben, sondern für die Eintracht ging es neben den eigenen Interessen auch darum, den deutschen Fußball gut zu vertreten. Und gegen die Schotten wollten die Riederwälder gewiß gern gewinnen. Das Endspiel lockte...

E i n m a l auch im Finale des europäischen Fußballpokals stehen! Noch ein ferner Wunschtraum, aber die Spieler wollten alles tun, um diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Sehen Sie mal, so ein Mann wie Alfred Pfaff, jahrelang schon Kapitän der Eintracht in guten wie in schlechten Tagen. Wenn es bei ihm klappt, dann kann er einfach alles. Wie damals vor zehn Jahren, am Heiligen Abend 1950 in Madrid, als die Eintracht gegen Athletico Madrid ein Freundschaftsspiel austrug. Athletico war damals Spaniens große Gala-Elf, mit der "schwarzen Perle" Ben Barek, dem Schweden Carvis Carlsson und dem "Wundertormann" Domingo. In einem Freundschaftsspiel siegte die Eintracht gegen Athletico mit 4:3! Das war bisher noch nie dagewesen. Und Alfred Pfaff wurde von 45000 begeisterten Spaniern gefeiert. Sie wollten ihn sogar dabehalten. Als er sich einmal im eigenen Strafraum den Ball holte, das ganze Feld überspielte, drei, vier, fünf, sechs Mann überdribbelte und sogar noch den herausstürzenden Domingo überspielte, gab es im Stadion frenetischen Beifall für den Frankfurter. Domingo konnte sich nicht anders helfen, er hielt Alfred, der mit dem Leder am Fuß ins Tor spazieren wollte, einfach am Fuß fest. Der Elfmeterpfiff indessen blieb aus. Das verstand allerdings außer dem Schiedsrichter keiner!

Dieser Pfaff, von dem jetzt soviel abhing, hat im Fussball schon allerlei erlebt. Er spielte in Amerika, in der Sowjetunion, in Ägypten, stand in der Nationalmannschaft, war einigemal deren Kapitän, spielte für sein Land bei den Weltmeisterschaften und erreichte mit seinem Klub die deutsche Meisterschaft. Er hat alles schon mitgemacht, der wortkarge Alfred, aber ein Endspiel um den Europacup war noch nicht in seiner Sammlung! Wie schön, wenn's klappen würde.

Vom Endspiel träumte man auch in Frankfurt, doch recht glauben wollte das niemand.

Bis zum denkwürdigen 13. April 1960. Am Abend dieses Tages zweifelte keiner mehr, daß Eintracht Frankfurt zum ersten mal in der Geschichte des deutschen Fußballs das Endspiel um den Europapokal bestreiten würde.

Die Glasgow Rangers in Frankfurt

Die Schotten kamen sehr selbstbewußt.

Manager Scott Symon meinte auf dem Flugplatz, von Reportern befragt: "Eintracht, wer ist das? Platz besichtigen? Warum? Ein Platz ist wie der andere. Dafür haben wir im Spiel genügend Zeit. Ich kenne soviel Felder, sie sind sich alle gleich. Wir spielen unser Spiel."

Wohlverstanden, das war keine Überheblichkeit. Das war eben der Ausdruck schottischer Auffassung vom Fussball. Der britische Fussball, vor wenigen Jahren noch Lehrmeister, war für sie immer noch zumindest europäische Spitzenklasse. Konservativ wie die Briten nun einmal sind, haben sie, was den Fußball anbelangt, von der Weiterentwicklung auf dem Kontinent zwar Kenntnis genommen, aber keinen Grund gesehen, den eigenen Stil davon etwa beeinflussen zu lassen oder gar zu ändern. Gar nicht daran zu denken! Hier wird noch gespielt - wie vor zwanzig Jahren. Schnell, hart, schön hausbacken von der Verteidigung über die Läuferreihe und den Angriff. Keiner verläßt seinen Posten. Der Linksaußen hat halt Linksaußen zu bleiben. Und der Rechtsaußen verläßt auch keinen Meter seine rechte Kreidelinie. Mit allen Vorzügen dieser jahrelang erprobten Taktik waren die Schotten bis ins Halbfinale gekommen. Deshalb glaubten sie auch an einen Sieg über die Eintracht. Wenn sie also fragten "Wer ist die Eintracht?", so war das keinesfalls überheblich gemeint. Der deutsche Fußballmeister war ihnen dem Namen nach natürlich bekannt. Aber es war halt eine Mannschaft wie jede andere auch. So wollten sie das verstanden wissen.

Wie grausam sollten sie an diesem 13. April aufgeklärt werden. Endlich hatte Paul Oswald seine komplette Mannschaft zur Stelle. Alle waren gesund, er konnte seine Idealbesetzung aufs Feld schicken.

Die Mannschaft bereitete sich eine Woche vorher intensiv unter ihrem Trainer vor. Wie immer vor großen Spielen, wohnten und trainierten die Spieler in der Bundessportschule vor den Toren Frankfurts in der herrlichen Umgebung des Stadtwaldes. Hier draußen war man abseits vom großtädtischen Trubel. Jeder ging tagsüber seiner Arbeit nach, und am Spätnachmittag kamen alle in der modernen Anlage zusammen. Jeden Tag wurde trainiert, das Programm teilte Paul Oswald wie immer geschickt ein. Auch die Abwechslung fehlte natürlich nicht. Tischtennis wurde gespielt, selbstverständlich gab es auch Besuch, ins Kino wurde gegangen, viel gelesen, der Flachs blühte, der Spaß kam wirklich nicht zu kurz. Als die Mannschaft zum Halbfinalspiel gegen die Rangers am 13. April auf den herrlich kurzgeschnittenen Rasen des Frankfurter Waldstadions lief, war sie, wie man sagt, "topfit".

Unter den Strahlern der neuen Flutlichtanlage sollte ein Spiel beginnen, das keiner der 77000 Zuschauer, die dabei waren, jemals vergessen wird.

Die Stimmung war wie immer bei ganz großen Spielen. Es knisterte, man konnte die Spannung förmlich greifen. Zahlreiche schottische Schlachtenbummler zeigten sich vor dem Anpfiff sehr optimistisch. Junge Leute mit den traditionellen Schottenmützen liefen über den Platz, schwenkten den Union Jack und trugen Transparente mit der Aufschrift "Rangers for ever". (Spruchbänder sind also nicht nur eine rein deutsche Erfindung!)

Als der schwedische Schiedsrichter Lindberg die Halbfinalbegegnung freigab, begann die Eintracht hypernervös. Da kam kein Pass an den Mann, die Abwehr leistete sich Fehlschläge, es war zum Haare ausraufen. Die Schotten dagegen, die viel selbstbewußter auftraten, hatten die besseren Spielzüge. Loy mußte zweimal gegen Scott und Wilson retten, Höfer war "letzter Mann" auf der Torlinie, als der Ball von Scott gezielt getreten, schon fast im Netz saß. Aber nach zwanzig Minuten legte sich die Aufregung. Alfred Pfaff brachte mit genauen Pässen Ruhe ins Spiel. Die Abwehr stellte sich auf die Attacken des Gegners ein, das Spiel wurde ausgeglichen. Dabei hätte bereits nach acht Spielminuten die Eintracht 1:0 führen können..... ja müssen.

Richard Kreß, der Wirbelwind aus Horas, der mit 35 Jahren seinen zweiten Fußballfrühling erlebt, war an der rechten Seite mit dem Ball am Fuß davongezogen. Unaufhaltsam kurvte er in den Strafraum, als Mittelläufer Patterson ihn rammte, die Beine wegzog. Elfmeter!

Der weiße Chromlederball lag schon lange auf der weißgekreideten Elfmetermarke, aber kein Spieler löste sich aus der am Strafraum stehenden "Eintrachttraube". Wer schießt denn nun eigentlich den Strafstoß?

Weilbächer konnte jedenfalls nicht, denn der befand sich gerade draußen und ließ sich irgendein Pflästerchen verpassen. Er hatte ein schottisches Scharfschützengeschoß aus kurzer Distanz an den Kopf bekommen.

Fussballer sind im allgemeinen harte Burschen, und dieser blonde Hans sogar im besonderen...aber aus zwei Metern an den Kopf.....

Also Weilbächer konnte nicht.....wer schießt?

Da trabte Richard Kreß, der gefoulte Spieler selbst an..... Schuß......vorbei.

Der Unglücksrabe verschießt im Europapokal-Halbfinale einen Elfmeter! Sehr sportlich und sehr erfreulich die Szene anschließend, als ihm die Mannschaftskameraden auf die Schulter klopfen. Kann schon vorkommen, nur weiter.

Nur Kreß ist ganz und gar untröstlich. Das hat doch im Training so gut geklappt. Von zehn Bällen haben alle zehn gesessen.....

Doch das Spiel geht weiter.

Die 29. Spielminute bringt den ersten Treffer dieses sagenhaften Spiels. Der junge Dieter Linder hat sich den Ball geangelt....spielt den Ball zu dem aufgerückten Stinka. Er bekommt den Ball zurück, dabei läuft Stinka nach halbrechts an die Strafraumgrenze. Er ahnt, daß er den Ball wiederbekommt. Ja, da ist schon der Pass. Stinka zögert nicht lange. Aus der Drehung schießt er ab. Hart und mit der ganzen Wucht des Unterschenkels. Das Leder zappelt im Netz, und 77000 Zuschauer klatschen begeistert.

Aber schon eine Minute darauf kommt die Abkühlung. Kurz nach dem schottischen Anspiel kommt McMillan in den Eintracht Strafraum. Geschickt lässt er den Ball keinen Zentimeter vom Fuß. Er will bis zum Fünfmeterraum. Doch Hans Weilbächer, längst wieder zurückgekehrt aufs Feld, lässt den Schotten über den Oberschenkel "zu Boden" gehen. Schiedsrichter Lindberg zögert mit dem Elfmeterpfiff keine Sekunde. Und Schottlands Nationalspieler Eddie Caldow vollstreckt seelenruhig. Er zeigt wie man es besser macht. Es steht 1:1.

Die letzte Viertelstunde der ersten Halbzeit bringt noch einige tollen Szenen vor Nivens Gehäuse. Linder, Pfaff, Meier und Kreß schießen, aber Niven, immer wieder Niven. Er hält, was kommt. Zumindest sind seine Fäuste da, wenn er den scharf getretenen Ball nicht festhalten kann. Da, eine Flanke, Kopfball von Meier.... der muß doch reingehen. Denkste! Über die Querstange. Ein Stein Scharfschuß, flach in die Ecke. Er hält zwar den Ball, aber er hat sich dabei etwas die Finger "verbogen". Behandlung im Tor. Ja, bei den Stein-Schüssen sitzt mächtiger Dampf dahinter.

Und dann ist Halbzeit.

Die zweiten 45 Minuten, die dann folgten, waren ein einziger Fußballrausch. Davon wird man noch nach Jahrzehnten sprechen. Ja damals, Kinder, wird der Opa seinen Enkeln erzählen. Damals, als die Eintracht im Stadion die Schotten mit 6:1 wegfegte, das Spiel habe ich noch gesehen. Wirklich, was sich dort unten auf dem Rasen tat, wird jeder, der dabeigewesen ist, nie vergessen können.

Zunächst einmal begannen die Schotten überraschend offensiv. Es sah fünf Minuten lang überhaupt gar nicht gut für die Eintracht aus. Scott läuft durch und schießt, Loy steht zu weit vorne, er hat aber Glück. Der Ball klatscht an die Querlatte, toll! Das zurückspringende Leder erwischt Murray mit dem Kopf.Aber Loy reagiert phantastisch und holt sich den gefährlich aufs kurze Eck gezielten Ball in einem wahren Pantersprung. Rauschender Beifall. Wieder einmal ist es Alfred Pfaff, der das Spiel durch Sololeistungen aus dem Feuer reißt und mit seinen beiden nächsten Toren den Grundstein zur spielerischen Überlegenheit schuf. In der 53. Minute, als die tollen Strafraumszenen vor dem Schottentor sich häuften, schießt Erwin Stein. Niven, der Stein entgegenläuft, kann den Ball nur abwehren, der etwas zurückhängende Alfred Pfaff nimmt den Ball an, und mit dem linken Fuß schiebt er flach und überlegt ins linke Eck. Die Eintracht führt 2:1.

Die Eintracht will die Torquote noch erhöhen. Pfaffs Pässe kommen gleich gebündelt in die Gasse. Jede Vorlage eine wahre Delikatesse. Lindner fügt sich spielformend ein. Pfaff und Lindner schicken ihre Außen, daß es nur so eine Pracht ist. Vier Minuten nach dem 2:1 wird Stein zwanzig Meter vor dem schottischen Tor gefoult. Freistoß. Und diese Sachen sind eine Leib- und Magenspezialität von Altmeister Pfaff. Der Alfred sieht die Mauer, läuft an..... und dann buchstäblich um die Mauer herum fliegt der Ball flach neben den Pfosten zum 3:1.

Unglaublich! Die Zuschauer sind ganz aus dem Häuschen. Raketen steigen in den Nachthimmel. Alles liegt sich in den Armen. Später - befragt, wie man so etwas macht - sagt der Pfaff nur achselzuckend: "Das kann man weder lernen noch trainieren. Man muß sehen, wie die Mauer steht, wie der Ball liegt, wie der Wind geht. Und dann schneide ich den Ball natürlich an. Ich gebe ihm Effet. Aber machen Sie nicht soviel Theater drum, die andern schießen auch Tore". Der Alfred gibt sich gern bescheiden.

Diese 3:1 löst die letzten Hemmungen. Der Angriff quirlt über das Feld, reihenweise ergeben sich Möglichkeiten. Die Schotten sind dabei keineswegs schlecht. Immer wieder starten sie schnelle und gefährliche Entlastungsangriffe. Auf kürzestem Weg zum Tor, dabei balltechnisch einwandfrei. Nur zu handwerklich. Das ist es eben. So ein Schuß Individualismus fehlt. Aber die Eintracht, von der Begeisterung der 77000 getragen, ist nicht zu stoppen. Eben noch muß sich Loy ganz lang machen, um einen wirklich tollen Schuß von Murray aus der Ecke zu fischen, da ist im Gegenzug das 4:1 fällig. Siebzehn Minuten vor Schluss läßt Weilbächer einen Freistoß in den schottischen Strafraum fliegen. Dieter Lindner steigt hoch und befördert den Ball wuchtig ins Netz, zum 4:1 für die Eintracht. Der Beifall steigert sich zu einem wahren Orkan, grüne, gelbe, weiße und rote Feuerwerkskörper schießen in den Himmel. Wie mag dieses Bild wohl von oben aussehen?

Das Waldstadion liegt ja ganz in der Nähe des Rhein-Main-Flughafens. Und laufend queren die ein- und ausfliegenden Maschinen das Stadiongelände. Für die da oben ist es wohl ein genauso einmaliger Ausblick wie für die da unten das einmalige Spiel.

Fünf Minuten vor Schluß ist das 5:1 fällig. Einen gezirkelten Pfaff-Pass nimmt Lindner auf, noch einige Schritte, und an Niven vorbei schiebt Lindner den Ball zum fünften Tor ins schottische Netz. Der tapfere Schottentormann kniet völlig geknickt am Boden, schüttelt mit dem Kopf. Das kann doch nicht wahr sein, denkt er.

Und noch einmal muß Niven hinter sich greifen. Drei Minuten vor Schluß holt sich Stein einen weiten Abschlag von Loy, läßt sich trotz energischer Störungen von Patterson nicht vom Ball drängen, läuft aufs Tor zu und schießt flach an dem herausstürzenden Niven vorbei das 6:1. Unvorstellbar!

Die Eintracht führt mit 6:1!

Als drei Minuten später der Schlußpfiff kommt, wird die Mannschaft von Anhängern fast erdrückt.

Und in der Kabine wird natürlich wieder das Lied angestimmt, daß die Mainzer Hofsänger so populär gemacht haben: "So ein Tag, so wunderschön wie heute." Auf der Tribüne denken die Leute gar nicht ans Weggehen. Sie diskutieren, erregt schildern sie sich gegenseitig noch einmal Tor für Tor. Die Geschehnisse der letzten 45 Minuten sind noch nicht verdaut, die Spannung noch nicht abgeklungen. "Mensch", sagt Fernseh-Humorist Otto Höpfner, "Mensch, war das ein Spiel, war das ein Spiel. Ich war ganz blass, als der Richard den Elfer verschosse hat. Des rescht misch mehr uff, als e' Fernsesendung."

Das Glück der Eintracht war an diesem Abend vollkommen. Rückspiel im Ibrox-Park. Und wieder sechs Eintracht Tore. Mit diesem 6:1 war die Eintracht wohl doch schon im Europacup-Endspiel! Das müßte schon mit Hexerei zugehen, wenn daran noch einer was ändern sollte. Fünf Tore Unterschied. Nein, da kann nichts mehr passieren. Das war der Tenor der Frankfurter Fußballgespräche. Die Eintracht kann ruhig mit drei bis vier Toren Unterschied verlieren. Was macht's? In der Gastwirtschaft Alfred Pfaffs gabs in diesen Tagen keinen freien Platz mehr. Es drängten sich die Fußballfans an der Theke. Jeder wollte den Alfred sehen, ihm sagen, wie toll das war. Und wissen, wie der Kerl das mit dem Freistoß gemacht hat.

Vor dem Rückspiel am 5. Mai in Glasgow mußten sich die beiden spanischen Clubs, FC Barcelona und Real Madrid, um den Eintritt ins Endspiel streiten. Am 21. April stieg die erste Begegnung in Madrid. Beide Spiele sah sich Paul Oswald an. Zum ersten Treffen in Madrid nahm er Alfred Pfaff mit, zum zweiten Spiel nach Barcelona Richard Kreß.

Das Urteil Paul Oswalds nach den beiden Spielen: "Ich habe die weltbeste Mannschaft gesehen. Real Madrid ist eine sagenhafte Elf. Jeder Spieler ein vollkommener Techniker und Athlet, dazu mannschaftsdienlich. Puskas war noch nie so gut wie eben. Di Stefan ein 'Feldherr' auf dem Rasen, Gento ein pfeilschneller Außen."

Doch zunächst galt die Aufmerksamkeit Oswalds erst einmal dem bevorstehenden Rückspiel im Ibrox-Park zu Glasgow. Die Schotten sollten sehen, dass der Frankfurter 6:1 Sieg keine "Zufallsblume" war. Die Mannschaft trainierte wieder in der Bundessportschule. Oswalds Rezept für das Glasgow Rückspiel war klar: "Möglichst früh ein Tor schießen, dann kann nichts mehr passieren."

Aber es passierte doch etwas. Am Abend des 5. Mai lag nach dem 6:3 Sieg der Eintracht der Ibrox-Park den Männern um Alfred Pfaff vor Füßen. Das hat es in der Geschichte des schottischen Fussballs noch nicht gegeben. Ovationen über Ovationen gab es für die Frankfurter beim Abgang. Keine ausländische Mannschaft bekam jemals einen solchen spontanen Beifall.

Man hatte der Eintracht schon ein gutes Resultat zugetraut. Aber wieder sechs Tore, nein, daran glaubte niemand.

Und wie so etwas geht.

Wie sagte doch Paul Oswald....."Möglichst ein frühes Tor schießen.....". Nach acht Spielminuten, erst wenige Angriffe kamen vor Nivens Tor, bekam Dieter Linder den Ball im Mittelfeld. Er lief etwa 20 Meter vor das Tor, schoß, und wie eine Rakete vom Typ "Thor" drang der Ball ins schottische Netz. Die Eintracht führte mit 1:0, Oswalds Rezept hatte geklappt. Aber wieder, genau wie in Frankfurt, konterten die Schotten. In Frankfurt dauerte es vom 1:0 bis zum 1:1 nur eine Minute. Im Ibrox-Park dauerte es vier Minuten bis zum 1:1. Dabei war dieser Treffer tatsächlich vermeidbar. Bei einem Gedränge vor Loys Tor (er hatte vorher einen Freistoß weggefaustet) kam der Nachschuß von McMillan aufs Tor. Zwar stand Eigenbrodt auf der Linie, aber er schlug am Ball vorbei. Es stand also wieder 1:1. Loy tröstete den verärgerten Eigenbrodt. Und wieder sollte ein Tor von Alfred Pfaff dem Spiel die Wende geben. Genau wie in Frankfurt gab es einen Freistoß. Vielleicht 18 Meter vor dem Tor. Die Schotten fummelten noch an ihrer Mauer herum, da "setzte" sich der Alfred den Ball. Und eh man sich versah, steuerte das Leder, von Alfreds linkem Fuß in Schwung gebracht, durch die Mauer ins Tor. Niven hockte am Boden und sah hilflos dem Ball nach. Noch ehe das Leder die Linie überschritten hatte, kam von den Frankfurter Schlachtenbummlern der Torschrei von den Lippen. Das kann halt nur der Pfaff.

Mit diesem Tor war den Schotten der Mut genommen. Jetzt spielte die Eintracht ganz auf Sieg, und bei diesem Wirbel mußten dann einfach die Tore fallen. Bei der Pause führten die Eintrachtler zwar "nur" 3:1, es hätte gut und gerne 5:1 oder 6:1 heißen können. Chancen waren bündelweise vorhanden. Das 3:1 selbst schoß Richard Kreß, der nach einem Musterangriff über Stinka, Stein und Pfaff im Nachschuß erfolgreich war. Pfaffs ersten Schuß konnte Niven nur wegboxen. So ging es in die Kabine.

Nach der Pause plätscherte das Geschehen ein Weilchen dahin. Linksaußen Meier hatte das 4:1 auf dem Fuß, aber er bekam den Ball nicht richtig zu fassen, das Leder flog weit am Tor vorbei. Aber dafür wurde es 3:2. McMillan war wieder einmal der Schütze. Allerdings war es diesmal ein Prachtschuß, den der schottische Halbrechte starten ließ. Aus 20 Metern abgefeuert, landete der Ball genau unter der Querlatte. Doch das Eintrachtspiel war deshalb nie aufzuhalten. Bei 4:2 - neun Minuten später - war alles entschieden. Meier war der Glückliche, er, der sonst mit seinen Schüssen in Wien und Frankfurt so viel Pech hatte. Und für sein vieles Pech entschädigte sich der kleine, schwarzhaarige Linksaußen gleich noch einmal mit einem zweiten Tor.....zwei Minuten später. Von der gleichen Stelle aus, fast aus der gleichen Situation. Nur daß einmal die Flanke von Stein kam und einmal von Kreß. Es hieß 5:2 ! Das hatte doch niemand für möglich gehalten! Was tat es, daß Wilson noch ein drittes schottisches Tor schoß. Kleine Fische. Alfred Pfaff machte das halbe Dutzend voll. Zwei Minuten vor Schluß...und wie er es machte. Den scharf angeflogenen Ball nahm er in einem Arbeitsgang unter Kontrolle, lief zwei, drei Schritte, und voll vom Spann getroffen landete der Ball im Netz. Niven hatte wieder sechs Tore kassieren müssen. Der arme Kerl! Und dabei war er noch mit Abstand der beste Mann seiner Mannschaft. Ohne ihn wären es....man darf gar nicht daran denken. Die Eintracht zog bravourös ins Endspiel gegen Real Madrid ein. Sogar Real-Manager Emilio Österreicher, der mit Reals neuem Trainer Munoz auf der Tribüne saß, war sehr beeindruckt: "Ganz toll, diese Mannschaft. Was diese Eintracht für den deutschen Fußball geschafft hat, ist unglaublich. Nach Bern 1954 der größte Erfolg des deutschen Fußballsports."

Beim abendlichen Bankett gab es für Alfred Pfaff noch eine "Sondereinlage". Bei der Ankunft auf dem Glasgow Flughafen lieh er sich für die Fotoschüße den Steifen, auch "Koks" oder "Hartmann" genannt, von Rangers Direktor Wilson aus. Und eben beim Bankett zeigten die Schotten, daß sie weder geizig noch humorlos sind. Direktor Wilson erschien mit einem großen, silbernen Tablett und überreichte darauf unter freundlichem Applaus Alfred Pfaff seinen "Koks" (Made in Great Britain) als Geschenk. Alfred Pfaff war gerührt, und versprach, das modische Präsent bis zum Endspiel zu tragen.

Die Zeitungen meldeten diese liebenswürdige Einlage natürlich sofort weiter. Im "Daily Express" erschien das Bild des "koksbehüteten" Alfred.

Klar, daß der Kapitän bei der Rückkehr auf dem Frankfurter Flughafen als erster die Treppe herunterstieg...... mit "Koks".

Doch zum Feiern war nicht viel Zeit. Das Endspiel am 18. Mai im Glasgower Hampden-Park wartete. Real Madrid war der Gegner. Die Mannschaft, die, zumindest in Europa, einen sagenhaften Ruf besaß. Und für Madrid stand zuviel auf dem Spiel. Wieder war Real in der spanischen Meisterschaft auf der Ziellinie vom FC Barcelona abgefangen worden. Wenn es mit dem Endspielsieg und damit mit dem 5. Pokal nicht klappen sollte, war der Nimbus dahin. Denn im nächsten Jahr würde dann der FC Barcelona automatisch als Landesmeister am Europacup teilnehmen. Aber als Titelverteidiger würde auch Real automatisch an der Runde 1961 teilnehmen. Und das war Reals Ziels, denn die teuerste Mannschaft der Welt konnte sich eine Abwertung ihres - auch finanziellen - Glanzes nicht leisten. Für jedes Freundschaftsspiel bekamen die Spanier 25.000 Dollar bar auf den Tisch des Hauses! Dazu selbstverständlich freie Unterkunft und Verpflegung. Und jeder Verein, dem es gelang, Real Madrid zu engagieren, machte dabei noch ein Bombengeschäft. Als der HSV im Volksparkstadion Real zu Gast hatte waren Tage vorher alle Karten vergriffen. Genauso war es vorher bei den anderen Gastspielen des Madrider Millionenclubs.

Und auch Glasgow freute sich auf die Weltstars Alfredo di Stefano, Ferenc Puskas, auf Dominguez, Gento, Santa Maria und die anderen.

Und die Schotten waren nach dem glänzenden Auftreten des Deutschen Fußballmeisters, der ihre Rangers mit 12:4 Toren "wegputzte", gewillt, ihre ganzen Sympathien den Deutschen zu zeigen. Dazu kam, daß die Eintracht trotz aller guten Spiele im Europapokal, trotz der Siege über die Young Boys, den Wiener SK und die Rangers natürlich Außenseiter war. Selbst die künsten Eintrachtanhänger wagten dann doch kaum an einen Eintrachtsieg zu glauben...aber immerhin, vielleicht...

Paul Oswald trainierte mit seinen Burschen wie immer in der Bundessportschule. "Unser Ziel ist klar", sagte er. "Ehrenvoll abschneiden, es den spanischen Profis nicht zu leicht machen und den deutschen Fußball würdig vertreten. Das ist alles, was wir erreichen können."

In Glasgow war indessen der Teufel los. Alles wollte partout am 18. Mai im Hampden-Park dabei sein. Die 127.000 Karten waren bald verkauft. In langen Schlangen standen die Schotten an den Vorverkaufsstellen, und als zwei Tage vor dem Endspiel die Mannschaften eintrafen, hatten Glasgows Buben auf ihrer Autogrammbörse Hochkonjunktur.

Die Eintracht bezog Quartier 20 Kilometer vor Largs im Skelmorlie-Hydro-Hotel, in einer freundlichen Parklandschaft. Real Madrid zog nach Troons an die Küste. Dort wohnten die Spanier in einem schloßähnlichen Hotel, Parkanlagen, Golf- und Tennisplätze umrahmten den Vorbereitunngssitz der Madrider Equipe, die gelassen ihrem 5. Pokal-Endspiel entgegensah. Real-Manager Emilio Österreicher gab sich gastfreundlich, beantwortete bereitwilligst die Fragen der zahlreich erschienenen Pressevertreter aus fast allen Ländern Europas. Auch Ferenc Puskas - dessen deutsche Sperre vom DFB inzwischen aufgehoben worden war - bemühte sich sehr um eine gute Verständigung gerade mit deutschen Vertretern. Die Geschichte damals im "France football" wo er (angeblich) vom doping der Deutschen Weltmeisterschaft schrieb und die anschließende Sperre vom DFB ist dem ehemaligen Kapitän der ungarischen Nationalelf doch ziemlich "unter die Haut" gegangen. Es war ihm viel daran gelegen, daß die Angelegenheit wieder "geradegebogen" wurde.

Im Eintrachtlager gab Alfred Pfaff (mit Koks) Autogramme, es wurden Andenken gekauft und Postkarten an die Lieben daheim geschickt. Die Spielerfrauen trafen mit einer Chartermaschine erst am Endspieltag ein. Alle Vorbereitungen waren getroffen. Die Zuschauerschlangen wälzten sich gen Hampden, Programmverkäufer an allen Straßenecken, dazu machten auch die auf der Insel üblichen Rosettenhändler ein großes Geschäft.

Rot-Gelb für Real, Schwarz-Weiß für die Eintracht. Die letzten Wetten wurden angelegt. Real war an der Wettbörse Favorit.

Das Spiel konnte beginnen. Schiedsrichter ist der Schotte Mowatt, von zwei Landsleuten an der Außenlinie assistiert. Der Hampden-Park war ausverkauft, aber einige Plätze noch offen. Deshalb nur, weil sich kein Mensch mehr ohne Karte dem Stadion näherte, und die Schwarzhändler auf ihren Karten sitzenblieben. Der Rundfunk hatte bekanntgegeben, daß es sinnlos sei, ohne Karte zu kommen. Die Stimmung in der zwar etwas antiquierten, aber doch imponierenden Anlage war faszinierend.

Um 19.19 Uhr brauste der Beifall auf.

Unheimlich fast der Schrei aus über 100.000 Kehlen. Beide Mannschaften kommen aufs Feld und laufen zur Gegengeraden, begrüßen die Zuschauer.

Dann die Hymnen und die Begrüßung aller Endspielteilnehmer durch die Oberbürgermeisterin von Glasgow. Die Fotografen schießen ihre Aufnahmen von der Seitenwahl, die Alfred Pfaff gewinnt. Die Eintracht spielt zunächst mit dem Wind und der Sonne im Rücken.

Real stößt an.

Die erste Attacke der ganz in Weiß spielenden Spanier steil aufs Eintracht-Tor. Aber Egon Loy ist Endstation. Noch sind keine 60 Sekunden vorbei, schon gibts wieder den berühmten "Hampden-roar", den Aufschrei der Massen in diesem so akustisch eigenartigen Kessel. Frankfurts Linksaußen Meier hat den Ball bekommen, er schießt kräftig mit dem linken Fuß auf das spanische Tor. Im Bogen fliegt der tückisch angeschnittene Ball an die Querlatte. Dominguez kann den Ball nicht erreichen. Das hätte schon das 1:0 für die Eintracht bedeuten können...Nach weiteren drei Minuten ein feiner Eintracht-Angriff. Vom rechten Flügel aus läuft das Spiel, Erwin Stein an der Mittellinie bekommt den Ball, sein Paß bringt den Ball zu Lindner, der "Benjamin" läuft nicht lange, spielt weiter steil zu Kreß, der mit unheimlich schnellem Antritt an Pachin vorbeiläuft und schießt, aber sein Winkel ist zu spitz, der Ball landet im Außennetz.

Zweifellos: die ersten Minuten bringen der Eintracht ein Plus, sie hat den besseren Start. Energisch will der Außenseiter dem Favoriten an das Fell. Di Stefano bemüht sich um Ordnung. Ist hinten und vorn, und seine Vorlage bringt die erste wirkliche Gefahr für Loys Tor. Er schickt den ball flach zu del Sol, der Lutz anschießt, den abprallenden Ball angelt sich Loy.

Bei einem weiteren Eintracht-Angriff zeigt die spanische Abwehr ihr artistisches Können. Kreß schießt in der elften Minute scharf vor das Tor, in Höhe des Fünfmeterraumes sollte Meier den Ball bekommen, aber der rechte Verteidiger Marquitos läuft dazwischen. Was macht er mit dem scharfen Ball? Stoppen kann er ihn nicht, denn er hat einen schlechten Winkel zum Ball. Marquitos macht, war nur ein wirklicher "Fußballkünstler" vermag. Eiskalt wagt er - wenige Meter vor dem eigenen Tor - einen eleganten Hackentrick, das Leder fliegt ins Aus.

Ganz großartig, alle Anerkennung. Wer hätte das riskiert, denn so etwas geht - wenn man's eben nicht hundertprozentig beherrscht- ins Auge.

Rauschender Beifall für diesen Solokick.

Der erste Eckball für die Eintracht wird auf Kosten einer zweiten Ecke abgewehrt. Und bald darauf der dritte Eckstoß für die Frankfurter. Stein schießt...Real ist einfach noch nicht da. Die weißen Fußballkönige haben ihr Spiel noch nicht gefunden. Die 19. Minute bricht an. Die Riederwälder springen munter um mit ihrem berühmten Gegner. Erwin Stein weicht auf den rechten Flügel aus, Kreß läuft etwas zurückhängend halbrechts mit. Pachin greift an, Stein überläuft ihn...ist fast an der Außenlinie, flankt kurz herein, Richard Kreß springt förmlich in den Ball und drückt ihn an Dominguez vorbei ins Tor. Tolle Sache - nicht zu halten! Der Hampden-Park dröhnt vom Beifall der 127.000 Menschen. Die Eintracht führt 1:0! Wer hätte das gedacht?

Und daran gibt es nichts zu deuteln: der Vorsprung ist durchaus verdient. Die Frankfurter, beflügelt von ihrem Torerfolg, wollen mehr erreichen. Aber Real weiß, worum es geht. Puskas rennt für zwei, di Stefano ist durch, Loy heraus, aber der Schuß geht vorbei. Drei Ecken hintereinander für die Spanier, gefährlich...gefährlich. Der ausgleich hängt förmlich in der Luft. Doch in der 25. Minute wieder eine Eintracht-Chance. Den Schuß von Stein aber hält Dominguez bravourös. Aber 70 Sekunden darauf fällt doch das 1:1. Rechtsaußen Canario, der schnelle Brasilianer, überläuft Höfer, seine Flanke in die Mitte bekommt der völlig frei stehende Alfredo di Stefano. Alfredo hat zwei Drittel des Tores vor sich, denn Egon Loy ist sehr unglücklich dicht neben dem rechten Pfosten postiert. Dem Spanier darf man solche Chancen ungestraft nicht vor die Füße legen, ein Schuß - und es steht 1:1. Und drei Minuten darauf führen die Weißen gar schon mit 2:1! So schnell geht das. Rechtsaußen Canario kurvt in die Mitte und schießt flach aufs Tor. Loy fliegt in die bedrohte Ecke, aber festhalten kann er den scharfgetretenen Ball nicht. Er springt ihm weg. Und wieder ist di Stefano da. Aus der Drehung donnert er förmlich den Ball hoch unter die Querlatte: 2:1 für Real Madrid.

Was soll man dazu sagen? Gewiß, das letztere Tor war vermeidbar.

Wenn Egon Loy den Ball festgehalten hätte...wenn...

Aber Weltklasse Fußballer machen eben aus allen sich bietenden Chancen ein Tor!

Man hat der Eintracht oft eines vorgeworfen: der Sturm braucht mindestens eine halbes Dutzend Gelegenheiten, um e i n Tor zu machen! Anders die Spanier. Eiskalt und entschlossen wir jede sich bietende Torchance genutzt.

Doch die tapfere Eintracht, zu diesem Zeitpunkt von den Spaniern schon langsam an die Wand gespielt, gibt nicht auf. Brav wird weitergekämpft, jedem Ball nachgelaufen. Aber ein weiteres spanisches Tor, unmittelbar vor der Pause wirft die Riederwälder weiter zurück. Das ist schon fast die Entscheidung!

Ferenc Puskas ist es, der seine Virtuosität am Ball beweist. Die letzte Minute des ersten Durchganges ist schon im Gange. Puskas bekommt den Ball nach einem verunglücktem Solo von del Sol an der linken Strafraumseite. Er läuft noch zwei, drei Meter, Eigenbrodt läuft entgegen, Puskas trickst ihn elegant aus, und aus spitzem Winkel schießt er unheimlich scharf mit seinem starken linken Fuß den Ball zum 3:1 für Real Madrid ins Netz. Gegen dieses Geschoß hatte Egon Loy nicht die geringste Abwehrmöglichkeit.

Und Puskas? Da steht er, neben dem rechten Pfosten, die Arme hochgereckt, sich leicht nach allen Seiten drehend. Ein echter Fußballmime. In der Rolle als Triumphator! Seht her, Leute vom Hampden-Park. Ich, Ferenc Puskas, habe soeben mit einem unübertrefflichen Tor den Europa-Pokal zum fünften Male nach Madrid geholt. Und schon sind die Mannschaftskameraden da, die in Spanien üblichen Küßchen werden ausgetauscht, und dann kommt auch schon der Halbzeitpfiff.

Wird die Eintracht jetzt total von den Spaniern ausgespielt, wird sie auseinanderfallen oder kann sie noch einmal herankommen?

Das waren die Halbzeitgespräche auf den Rängen. An einen Sieg des Deutschen Meisters glaubte zu diesem Zeitpunkt schon niemand mehr. Aber wie sollte es weitergehen? Und die Frankfurter zeigten den 127.000 wie man, selbst aussichtslos in Rückstand liegend, weitermacht. Mit einer nie aufgebenden Mannschaftsmoral nämlich. Jeder setzte sich ein, als stände es noch unentschieden. Und es gab auch schon als Belohnung dafür die ersten Eintracht-Chancen. Erwin Stein schießt scharf aufs Tor, aber Dominguez zeigt seine Klasse und hechtet den Ball aus dem Torkreuz. Richard Kreß vor allem bekommt Beifall auf offener Szene, als er geradezu "spanisch" seine Gegner umkurvt. Und der Richard - der später von seinen Gegnern als bester Frankfurter bezeichnet wird - hat es immer gleich mit mehreren zu tun. 35 Jahre alt ist er, der "Blitz aus Horas", wie man ihn nennt. Horas, bei Fulda gelegen, ist die Heimat des Eintrachtlers. So gut wie diesmal war er noch nie. Paul Oswals weiß eben, wie man aus einem Fußballer etwas machen kann. Auch wenn er 35 Jahre alt ist. Dieser Kreß wurde zeitweise sogar zum Liebling des Publikums. Er tat genau wie seine anderen Mannschaftskameraden, was er konnte. Aber bei ihm sahen die Aktionen effektvoller aus. Doch in der 56. Minute fällt die endgültige Entscheidung. Eine allerdings höchst unverständliche Entscheidung. Der pfeilschnelle Gento dringt in den Strafraum ein, von Friedel Lutz verfolgt. Beide geraten (bei der Geschwindigkeit kein Wunder!) etwas aneinander. Friedel Lutz behauptete später Stein und Bein, daß Gento ihn sogar weggedrückt habe. Jedenfalls wird Gento vom Ball getrennt, er fällt aber nicht, und Schiedsrichter Mowatt pfeift. Was pfeift er nur?

Freistoß für die Eintracht? Oder indirekten Freistoß für die Spanier wegen Sperrens ohne Ball?

Weit gefehlt.

Mowatt, der selbst nur wenige Meter vom Strafraum entfernt stand, läuft auf die linke Außenlinie zu und unterhält sich mit seinem Linienrichter. Nur etwa zehn Sekunden. Dann kommt er zurück und deutet auf die Elfmetermarke.

Das ist doch nicht möglich.

Und sogar die Spanier wundern sich. Puskas schüttelt mit dem Kopf.

Am andern Tag schreibt er im "Daily Express" wörtlich: Der für uns verhängte Elfmeter wäre bei uns in Spanien niemals ein Elfmeter gewesen. Aber was sollte ich machen. Fußball ist mein Beruf. Und so hatte ich die Pflicht, den Ball ins Tor zu schießen. Und auch bei dieser Szene bleibt die Eintracht sportlich einwandfrei. Kein Reklamieren, kein Zulaufen auf den Schiedsrichter, keine Diskussionen mit ihm. Zwar mit hängendem Kopf, aber still fügten sich die Frankfurter. Es muß festgestellt werden: Es war wirklich kein Elfmeter. Die Spanier hätten zu ihrem Sieg diesen Strafstoß nicht notwendig gehabt. Puskas vollstreckt unhaltbar zum 4:1. Damit ist das Spiel endgültig gelaufen. Am anderen Tag - auf dem Flugplatz gefragt - sprach Schiedsrichter Mowatt noch einmal über den Strafstoß. Er sagte zu seiner Entscheidung: "Sehen Sie, Sie in Deutschland werden mir sicher böse sein. Aber für mich war es ein klarer Elfmeter, weil Ihr Verteidiger den spanischen Linksaußen Gento unfair vom Ball gestoßen hat. Und warum ich zu meinem Linienrichter ging? Nun, ich habe ihn nur gefragt, ob auch er das Vorkommnis im oder außerhalb des Strafraumes gesehen hatte. Auch er sah es im Strafraum. Also, Elfmeter."

Real ist jetzt natürlich im Element. Die Stefano zeigt Ballkunststückchen am laufenden Band. Und die objektiven Schotten spenden Beifall. Die cleveren Profis packen aus ihrer Wunderkiste alles aus, was sich darin befindet. Sie spielen Traumfußball. Besser haben sie nie ausgesehen!

Die 60. Minute bringt das 5:1. Gento-Flanke, Puskas Kopfball. Eigenbrodt will noch retten, vergeblich. Loy hat überhaupt keine Rettungsmöglichkeit. Und ein paar Minuten später die gleiche Szene, aber diesmal sind Loys Fäuste da. Der arme Kerl, wie mag ihm zumute sein. Eine weiße Angriffswelle nach der andern rollt auf sein Tor zu. Und jeder spanische Stürmer ist ein Scharfschütze!

Und in der 71. Minute ist wieder Puskas an der Reihe. Sein viertes Tor ist fällig! Ein Real-Angriff kommt ohne Widerstand vor das Eintracht-Tor. Puskas schießt halbhoch aus der Drehung unhaltbar ein. Es steht 6:1! Und eine Minute später wieder ein Tor. Diesmal aber endlich eines für die Eintracht. Erwin Stein ist der Schütze, der Dominguez nach einem Pass von Alfred Pfaff bezwingt. 6:2. Doch der Torreigen ist noch nicht zu Ende. Vom Anstoß weg holt sich di Stefano den Ball. Er läuft fast 40 Meter mit dem Ball, Weilbächer kommt einfach nicht nach. Der große Don Alfredo ist am Strafraum, schießt präzise flach neben dem Pfosten ins Tor. Eine Meisterleistung des berühmten Fußballstars. 7:2. Und noch in der nächsten Minute das letzte Tor des Spieles. Spaniens rechter Läufer Vidal gibt einen Ball zu schwach zu seinem Tormann zurück. Der Aufmerksame Erwin Stein springt dazwischen und schießt das dritte Eintracht-Tor. Das 7:3 ist schließlich auch das Endergebnis!

Nach dem Schlußpfiff sind die Zuschauer begeistert. Ihr Beifall gilt natürlich in erster Linie der unvergleichlichen Elf von Real Madrid, die sich währen der 90 Minuten in einen wahren Taumel hineinsteigerte und die auch den vier-Tore-Vorsprung zweifellos verdient hat. Ihr Beifall gilt aber auch dem tapferen Unterlegenen: Eintracht Frankfurt. Und als die Spanier das Feld verlassen, bildet ihr Endspielgegner, die Eintracht, klatschend das Spalier. Diese Schlußszene registrieren die 127.000 im Hampden-Park mit einem Beifalls-Orkan.

Real Madrid holte sich den fünften Europapokal in folgender Aufstellung:

Dominguez, Marquitos, Pachin, Vidal, Santamaria, Zarraga, Canario, Del Sol, Di Stefano, Puskas, Cento

Auch die tapferen elf Eintrachtspieler, die zwar hoch, aber ehrenvoll unterlagen, sollen festgehalten werden:

Egon Loy, Friedel Lutz, Hermann Höfer, Hans Weilbächer, Hans-Walter Eigenbrodt, Dieter Stinka, Dieter Lindner, Alfred Pfaff, Richard Kreß, Erwin Stein, Erich Meier


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