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Bundesliga Spielballverein Borussia Dortmund
04.03.2005 von udo

Spielballverein Borussia Dortmund

Vor fünf Jahren, als Borussia Dortmund an die Börse ging, wollte der Ruhrpottverein die Champions League aufrollen. Heute sind die Schwarz-Gelben schon froh, wenn sie nicht in die Oberliga verbannt werden. Die Geschichte eines Abstiegs aus dem Größenwahn.

Draußen vor der hölzernen Drehtür der Kneipe im Dortmunder Kreuzviertel haben die Fußballer Christoph Metzelder und Sebastian Kehl ein Zeichen gesetzt. Knallgelbe Fußabdrücke der beiden Kicker sind in den Boden eingelassen, handsigniert, mit Datum versehen und von einer Plexiglasscheibe geschützt. Symbole des Erfolgs - ein bisschen sieht es aus wie auf dem Hollywood Boulevard in Los Angeles. Nur dass man dort die Starstapfen nicht mit einem schlammigen Fußabstreifer abdeckt. In Dortmund schon. Man ist bescheiden geworden, seit der Fußballverein, der in dieser Stadt alles bedeutet, in die Krise gerutscht ist.

Drinnen sitzt Reinhard Beck, der schon Anhänger von Borussia Dortmund war, als das Lokal noch "Westfalenschänke" hieß und nicht "Barock" und Spieler wie Metzelder oder Kehl noch gar nicht geboren waren. An seiner braunen Lederjacke glänzt ein schwarz-gelber BVB-Anstecker, ein ganz kleiner. Beck beugt sich nach vorne, weil die Musik etwas zu laut ist. Außerdem hat er einen leichten Hörschaden. Vom "Torschrei meines Lebens", sagt er. Dortmund siegte 8:0. Im Relegationsspiel gegen Fortuna Köln. Das war Mitte der 80er Jahre, sagt Beck. Er lächelt. Lange her.

Beck ist Versicherungsmakler und seit Dezember Vorsitzender der neu gegründeten Fanabteilung von Borussia Dortmund. Er ist einer von denen, die noch immer alle zwei Wochen auf der monströsen Südtribüne des Westfalenstadions stehen. "Das ist ja wie eine Liebe, die kann man nicht einfach aufgeben", sagt er. "Aber es ist, als ob man langsam aus einem Koma erwacht."

Böses Erwachen nach Prahlerei

Ein böses Erwachen. Als der Verein im Oktober 2000 an die Börse ging, prahlte der damalige BVB-Präsident Gerd Niebaum, man wolle den "deutschen und den europäischen Fußball" in den nächsten 15 Jahren mitprägen. Nun, nach gerade mal fünf Jahren, kann die Borussia froh sein, wenn sie überhaupt noch gegen einen Ball treten darf. Vor zwei Wochen musste das Management zugeben, dass der BVB praktisch pleite ist.

Am 14. März entscheidet sich, ob das Sanierungskonzept von allen Gläubigern akzeptiert wird. Die Zustimmung der 5800 Gesellschafter des Commerzbank-Immobilienfonds Molsiris, die dem BVB vor zwei Jahren für 75 Mio. Euro das Westfalenstadion abgekauft hat, steht noch aus. Verweigert sich Molsiris, bedeutet das Insolvenzantrag, Lizenzentzug, Zwangsabstieg. Denn schon einen Tag später müssen die Unterlagen für das Lizensierungsverfahren bei der Deutschen Fußball Liga (DFL) vorliegen. Dem BVB bliebe wohl nur die Oberliga: Borussia Dortmund gegen Sportfreunde Lotte, in einem Stadion für 80.000 Zuschauer.

Daran möchte der amtierende Geschäftsführer der Borussia, Hans-Joachim Watzke, gar nicht denken: "Wenn die Fonds-Mitglieder nicht zustimmen, geht hier gar nichts mehr." Der 45-Jährige sitzt eingesunken auf dem schwarzen Ledersofa in seinem neuen großzügigen Büro in der BVB-Zentrale. Hinter ihm, auf der anderen Seite der Bundesstraße Nummer 1, kann man das Westfalenstadion sehen, dessen vier gelbe Streben in diesen Tagen irgendwie an dicke Strohhalme erinnern. Watzkes Schreibtisch ist klinisch rein, nichts liegt herum. Als hätte er noch gar nicht begonnen zu arbeiten. Dabei ist er schon mittendrin.

Kaum Zeit zum Verschnaufen

Am 14. Februar wurde er zum Geschäftsführer der Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA berufen. Am nächsten Tag hat er pünktlich um neun Uhr im vierten Stock der Geschäftsstelle am Rheinlanddamm 207-209 seinen Dienst angetreten. Seitdem war nicht mehr viel Zeit zum Verschnaufen. Hans-Joachim Watzke schenkt sich eine Tasse Kaffee ein, bricht eine Tablette Süßstoff sorgfältig in der Mitte auseinander, wirft sie in die Tasse, rührt um und atmet erst einmal tief durch. "Es ist nicht gerade vergnügungssteuerpflichtig", sagt er. An ihm hängt eine Menge: Den Leuten hier wurden schon Kohle, Stahl und ihr Bier genommen. Wenigstens der Fußball muss bleiben.

Watzke hat sich im Mercure Grand Hotel gegenüber der Geschäftsstelle eingemietet. Um möglichst nah an seiner neuen Arbeitsstätte zu sein, sagt er. Die Unterkunft zahlt er selbst, das Benzin für seinen Dienstwagen auch.

Sein Vertrag läuft zunächst bis Ende 2006, bis zum Sommer schuftet er unentgeltlich. "Ich bin völlig unabhängig und frei in meinen Entscheidungen", sagt Watzke: "Ich habe auch kein Borussia-Handy", betont er und reckt sein silbernes Modell als Beweis in die Luft.

Glamourfaktor einer Thermoskanne

Hans-Joachim Watzke ist vermutlich genau der Typ Manager, den Borussia Dortmund jetzt braucht: bescheiden, beflissen mit dem Glamourfaktor einer Thermoskanne. Aber er versteht sein Geschäft. Vor seinem neuen Leben als Borussia-Retter führte er eine Firma in seiner Geburtsstadt Marsberg im Hochsauerlandkreis. Kommissarisch hat er sie zwei Geschäftsführern anvertraut. "Ich weiß, wie man mit beschränkten Mitteln das Optimum herausholt", sagt Watzke. In Marsberg beschäftigt er inzwischen 250 Mitarbeiter. Seine Watex Schutz-Bekleidungs-GmbH ist ein Unternehmen, wie es die Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA mittlerweile auch gerne wäre: eine solide mittelständische Firma, mit einem Umsatz von 20 Mio. Euro, liquide und ohne Schulden. Als Arbeitsbekleidung könnte Watzke seine eigenen Produkte gut brauchen. Watex stellt neben Forst- und Arbeitskleidung auch Anzüge für Feuerwehrmänner her.

Watzke wusste, worauf er sich einlässt. Er kennt den Laden. Er war sechs, als er zum ersten Mal ein Spiel von Borussia Dortmund sah. Im Stadion Rote Erde fieberte er an der Seite seines Vaters mit der schwarz-gelben Mannschaft mit. Das ist fast 40 Jahre her, und trotzdem weiß er noch ganz genau, wo er damals stand. So etwas vergisst er nicht. Seit knapp zehn Jahren ist er Vereinsmitglied, 2001 wurde er mit fast 100 Prozent der Stimmen der Mitgliederversammlung zum Schatzmeister des BV Borussia 09 e.V. gewählt.

Er hat miterlebt, wie der inzwischen zurückgetretene Präsident Gerd Niebaum und sein Geschäftsführer Michael Meier den Verein immer tiefer ins Dilemma führten. Wie der Etat für die Personalkosten zwischenzeitlich auf 68 Mio. Euro anschwoll. Doch nicht nur daran will Watzke "ganz klar erkannt haben", dass es so nicht weitergehen kann. Man habe gemauschelt und geprasst. Und er, Watzke, habe kritisiert und gewarnt, aber keiner habe hören wollen: "Ich war in der Minderheit."

Die Marke zieht nicht mehr besonders

Unten im Fanshop haben sie die Trikots von 65 auf 39 Euro heruntergesetzt. Die Marke zieht nicht mehr so gut. "Wir haben ein sauberes Sanierungskonzept", sagt Watzke unverdrossen, "jetzt müssen wir nur die Chance kriegen, das umsetzen zu können." Doch es ist nicht so leicht, die Zweifel der Anhänger und Finanzpartner auszuräumen. Weil in der misslichen Lage kein Geflunker mehr hilft, werben sie in Dortmund nun mit totaler Transparenz um das Vertrauen.
Vorbei die Zeiten, als der damalige Präsident Gerd Niebaum mit dem Learjet zur Versammlung der G14 flog, dem Treffen der europäischen Großvereine. Nun klappert die Klubführung die Gläubiger mit dem Auto ab. Es geht nicht mehr darum, dem Branchenführer Bayern München Konkurrenz zu machen. Aus dem börsennotierten Unternehmen Borussia Dortmund soll wieder ein ganz normaler Verein werden. Einer, der mal gewinnt und mal verliert, aber vor allem einer, der mitmachen darf.

Die Heldentaten der Borussen klingen heute wie verblasste Epen: Deutscher Meister, Pokalsieger, Champions-League-Sieger, Gewinner des Weltpokals. "Es war wie eine Überdosis", sagt der Vorsitzende der Fanabteilung, Reinhard Beck, "die Leute waren betäubt." Betäubt vom Erfolg.

Unvergleichlicher Kaufrausch

Wenn sie damals schon gewusst hätten, was hinter den Kulissen läuft, wären die Feiern wohl etwas weniger ekstatisch ausgefallen. Kurz nach Niebaums Machtübernahme im Sommer 1986 verkündete der neue Patriarch im "Kicker" zwar noch bescheiden: "Mir wird langsam angst und bange. Der Optimismus ist mir bei einigen schon zu groß." Doch schon bald darauf hatte er jegliche Zurückhaltung abgelegt und demonstrierte das mit einen unvergleichlichem Kaufrausch.

1992 lotste er Matthias Sammer für 8,5 Mio. DM von Inter Mailand zurück, ein Jahr später überwies er Lazio Rom noch etwas mehr für den Stürmer Karlheinz Riedle. Besonders durfte sich allerdings Juventus Turin über das locker sitzende Portemonnaie des deutschen Klubchefs freuen. Für Stefan Reuter, Julio Cesar, Andreas Möller, Jürgen Kohler und Paolo Sousa kassierte der italienische Erstligist insgesamt 26,5 Mio. DM.

Die Shoppingtour ging weiter und blieb trotz sportlicher Höhenflüge nicht ohne Folgen - in zehn Jahren verteilte Niebaum in Europa über 200 Mio. DM. "Die haben Geld verbrannt ohne Ende", sagt Franz Altrogge, Fußballexperte, "erst für die Ablöse, dann für die Gehälter und am Ende, um die Spieler wieder loszuwerden."

Börsengang sollte Schulden tilgen

Als der BVB im Oktober 2000 mit seinem Konzept "Steine und Beine" an die Börse ging, brauchte er das Geld hauptsächlich dafür, Schulden zu tilgen. Doch das hielt die Verantwortlichen nicht davon ab, weiter das ganz große Rad zu drehen. Michael Meier träumte von einer Multifunktionsarena, deren Spielfeld dank Hebebühne und Hydraulik auch als Dach dienen könnte. Trainer Matthias Sammer tingelte durch Europa, um sich mit neuem Personal zu versorgen.

Es war der Höhepunkt des Irrsinns. Vor dem Spiel sang Karel Gott im Stadion das Lied von der Biene Maja, als Hommage an die schwarz-gelb geringelten Socken der Spieler. Auf dem Rasen tummelte sich eine multikulturelle Truppe, deren Wert eine unwirkliche Höhe annahm. Der Tscheche Jan Koller war mit 21 Mio. DM geradezu ein Schnäppchen, sein Landsmann Tomás Rosicky war 4 Mio. DM teurer, für den Brasilianer Marcio Amoroso zahlte der BVB fast das doppelte - das ist bis heute Rekord in der Bundesliga.

Bei dem Transfer demonstrierte Niebaum zum ersten Mal seine Vorliebe für ein bestimmtes Geschäftsmodell: Erst verkaufen und dann wieder zurückleihen. Amorosos altem Arbeitgeber, dem FC Parma, überwies der BVB lediglich 15 Mio. DM, weil er den Italienern im Gegenzug den Brasilianer Evanilson für unglaubliche 35 Mio. DM in Rechnung stellte - mehr als das Vierfache dessen, was der durchschnittlich talentierte Außenverteidiger zwei Jahre zuvor gekostet hatte. Anschließend lieh Niebaum den Abwehrspieler für etwa 500.000 DM pro Jahr von Parma zurück.

Teuerster Spieler brachte 0 Euro

Das Trikot des italienischen Klubs hat Evanilson kein einziges Mal getragen, im Sommer kann er Dortmund ablösefrei verlassen. Sein Landsmann Amoroso schoss die Borussen 2002 zwar zur Meisterschaft. Nach mehreren Verletzungpausen und Eskapaden hat der Stürmer den Verein verlassen. Ablösesumme für den teuersten Spieler der Bundesligageschichte: 0 Euro.

Tomás Rosicky kickt seit Monaten meilenweit unter Marktwert. Schuld daran ist angeblich der ehemalige Trainer Matthias Sammer, weil er sich nicht genügend um den wertvollen Spielmacher gekümmert hat. "Das ist wie wenn du einen Koi-Karpfen kaufst und ihn an die Katze verfütterst", sagt BVB-Fan Franz Altrogge.

Etliche Vertragsverhandlungen der Dortmunder können nur mit Größenwahn erklärt werden: Der Jungnationalspieler Sebastian Kehl hatte für ein Jahresgehalt von 750.000 DM bereits beim Konkurrenten Bayern München unterschrieben, als der BVB ihn mit einem Salär von 1,5 Mio. köderte - diesmal waren es allerdings Euro.

Wohl des Vereins auf wackligen Beinen

Auch das Geschäftsgebaren rund um das Westfalenstadion war seltsam unprofessionell: Im Frühjahr 2004 erwarb die zur Commerzbank gehörende Assunta für 4 Mio. Euro die Vermarktungsrechte am Stadionnamen, ungewöhnlich für einen reinen Immobilienfonds. Erst nach dem Deal firmierte die Firma als Managementgesellschaft. Bis zum Sommer desselben Jahres hätte Assunta einen neuen Namensgeber für das Stadion finden sollen. So weit kam es nicht, der Vertrag wurde aufgelöst. Anwalt Stefan ten Doornkaat, der als Mitglied der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) seit langem mit dem BVB im Clinch liegt, spricht von einem verdeckten Kredit für den damals klammen Verein. Wunderlich war die Transaktion auch deshalb, weil sich der Trikotsponsor Eon schriftlich zusichern ließ, dass der Name Westfalenstadion erhalten bleibt, solange der Vertrag mit der Borussia läuft - also bis Mitte 2006.

Dass die Mitgliedschaft an der Börse auch unangenehme Pflichten mit sich bringt, konnte Geschäftsführer Michael Meier gleich bei seiner ersten Ad-hoc-Mitteilung erleben. Im November teilte der Klub mit, dass "medizinische Untersuchungen ergeben haben, dass die Sehstörungen des Lizenzspielers Heiko Herrlich auf einen Gehirntumor zurückzuführen sind". Meier musste sich hinterher als Zyniker beschimpfen lassen. Er selbst war sich nicht sicher, ob er die Erkrankung des Stürmers wirklich mitteilen musste. "Für uns ist das doch alles Neuland", jammerte er im Gespräch mit einem Journalisten und beendete das Gespräch mit den Worten: "Hauptsache, sie sind kein Schalke-Fan!"

Auf welch wackligen Füßen das Wohl des Vereins geplant war, wurde schon vor zwei Jahren deutlich. Am 24. Mai 2003 gelang es der Mannschaft, die sicher geglaubte Teilnahme an der lukrativen Champions League doch noch zu verspielen - durch ein 1:1 gegen die bereits als Absteiger feststehenden Cottbuser. Auch die zweite Chance konnte das Team nicht nutzen. Im August scheiterte der BVB in der Qualifikation zur Champions League im Elfmeterschießen am FC Brügge. Im Uefa-Cup war bereits in der zweiten Runde Schluss. Die eingeplanten Millionen hatten sich innerhalb weniger Monate in Luft aufgelöst.

Schwaches Sanierungskonzept nach Kollaps

Im November 2004 drohte erstmals der Kollaps. Bei den Kreditgebern war nichts mehr zu holen, selbst die Transferwerte der wichtigsten Kicker waren bereits verpfändet. Die Rechte am Logo und am Clubnamen gehörten dem Gerling-Konzern. Und von den 24 Mio. Euro Kapitalerhöhung im Vormonat war nichts mehr übrig.

Am 12. November stellten der Verein und die Unternehmensberatung Metrum das Sanierungskonzept "Konter" vor. "Ein Flickwerk", schimpft Peter-Thilo Hasler, Analyst bei der HVB, "das man nach ausführlicher Zeitungslektüre für einen Bruchteil des Honorars besser selbst gemacht hätte."

Zu einem ähnlichen Schluss kam auch Wirtschaftsprüfer Jochen Rölfs, der das neue Sanierungskonzept entworfen hat. Es soll die Wende für den Verein bringen.

Der Mann, der für all die harten Schnitte verantwortlich ist, ist ausgerechnet einer, der sich für Fußball kaum interessiert. Rölfs nippt an seinem Wasser, runzelt die Stirn und nickt bedächtig mit dem Kopf.

Vertraut mit unternehmerischem Wahnsinn

Der 56-Jährige ist davon überzeugt, dass sein Sanierungskonzept auch von den letzten Gläubigern des Vereins akzeptiert werden wird, weil "alle Gläubiger ein Interesse daran haben müssen, dass der Betrieb weiterläuft". Für den kleinen Mann ist die Rettung des Dortmunder Vereins ein Job, mehr nicht. Er hilft der Borussia, wie er auch einen Arbeitsschutzbekleidungs-Hersteller aus dem Sauerland sanieren würde.

Vor kurzem hat er in seiner Heimatstadt Düsseldorf ein Gastspiel des FC Bayern München besucht - seinem Sohn zuliebe. Auch zum Auswärtsspiel seines jüngsten Auftraggebers in München ist er mitgereist. Doch seit die Borussen gegen den FC Bayern 0:5 untergingen, legt die Vereinsführung keinen besonderen Wert mehr auf seine Anwesenheit. Rölfs ist darüber nicht besonders traurig. Auch einen Posten in einem der Gremien des Klubs hat er bereits ausgeschlagen. "Es ist nicht mein Metier", sagt er.

Rölfs kann bei der Wiederbelebung von maroden Unternehmen inzwischen auf einen gewissen Erfahrungsschatz zurückgreifen. In seiner Laufbahn ist ihm schon so viel unternehmerischer Wahnsinn begegnet, dass ihn nichts mehr schockieren kann. Als die Handelsgruppe Coop Ende der 80er Jahre vor dem Kollaps stand, trug er dazu bei, dass Tausende Beschäftigte anderswo unterkamen. Als das Kirch-Imperium zusammenbrach, durfte er die Bibliothek des Medienmoguls schätzen. Jetzt versucht er eben, einen Fußballklub zu retten.

Laden seziert wie ein Gerichtsmediziner

Rölfs hat den Laden seziert wie ein Gerichtsmediziner die Leiche in einem ungeklärten Mordfall. Doch er hat inzwischen auch gelernt, welche Rolle Emotionen bei diesem Fall spielen. Zur genaueren Erläuterung seines Sanierungskonzepts ließ er ein Häuflein ausgewählter Wirtschaftsjournalisten kürzlich in das vereinseigene Hotel Lennhof einladen. Die Nachhilfestunde in Sachen Überzeugungsarbeit fand in dem Raum statt, in dem die Mannschaft von Borussia Dortmund vor Heimspielen ihre Besprechung abhält. Ein Ort, an dem Reporter normalerweise so gerne gesehen sind wie Kakerlaken.

Die Botschaft des Wirtschaftsprüfers war kühl: Nur wenn sein Konzept strikt eingehalten wird, ist der Klub sanierungsfähig. Der Molsiris-Fonds, das Land und zahlreiche andere Gläubiger müssen mit der Stundung von Miete, Zins und Tilgung leben.

Die Zeit der großen Deals ist für die Borussia vorbei. Wenn die Schwarz-Gelben eine Zukunft haben, dann eine ziemlich bescheidene. Der Spieleretat soll laut Sanierungskonzept von 40 auf 24. Mio Euro gekürzt werden. In der Verwaltung wurden ein Dutzend Leute entlassen. Zum Auswärtsspiel am Sonntag in Nürnberg fährt die Mannschaft mit dem Bus, früher stand dafür ein Charter-Jet bereit.

Kernpunkte des Sanierungsplans

Aber immerhin: Wenn Rölfs Plan aufgeht, kann der BVB weiter für die Bundesliga planen. "Deswegen kriege ich aber keinen Heiligenschein", sagt der Wirtschaftprüfer. Sein Job ist dann erledigt, und Borussia muss wieder ohne ihn auskommen.

Kern des Plans ist der Rückkauf des Westfalenstadions und der Rechte an Vereinsnamen und Logo. Vor zwei Jahren verkaufte der BVB seine Stadionanteile an den Molsiris-Fonds, um sie von ihm aufwändig wieder zurückzuleasen. Seither muss der Fußballklub jährlich rund 15 Mio. Euro Stadionmiete an Molsiris zahlen - ein Abkommen, das den ehemaligen Champions-League-Sieger fast in die Pleite trieb.

Bei der Versammlung am 14. März müssen die Gläubiger nun zustimmen, diesen Deal rückgängig zu machen. Falls das gelingt, bekäme die Borussia Zugriff auf ein Depot, dessen Guthaben in Höhe von knapp 52 Mio. Euro derzeit für den ursprünglich geplanten Rückerwerb der Arena im Jahr 2017 festgelegt ist. Für 42 Mio. Euro würde der Klub sofort 42,8 Prozent Stadionanteile zurückkaufen, die restlichen 9 Mio. Euro benötigt der BVB im operativen Geschäft zum Überleben. Gemeinsam mit den 6 Mio. Euro Sofortkredit der wichtigsten Gläubiger könnte die Borussia wohl auch genügend liquide Mittel für die nächste Spielzeit nachweisen - eine Bedingung für die Lizenzerteilung.

Und wenn doch alles schief geht?

"Es ist schon beängstigend, dass Borussia jetzt mit dem Etat von Bielefeld auskommen muss", sagt Franz Altrogge. Der Dortmunder ist seit langem Dauerkartenbesitzer und aus den vergangenen Jahren anderes gewöhnt. Aber wenigstens kommt er bei BVB-Spielen jetzt wieder in Genuss von Klängen, die er länger entbehren musste: Bei den Heimspielen wird seit kurzem wieder die Vereinshymne gespielt. Karel Gott ist genauso verschwunden wie Amoroso.

Und wenn doch alles schief geht? Wenn die Sanierung der Borussia scheitert, die Lizenz verweigert wird, der Verein aus der Profiliga stürzt? Für Reinhard Beck, dem Leiter der Fan-Abteilung, würde die Welt zusammenbrechen: Zwei Wochen Urlaub würde er sich dann nehmen, sagt er. Weil er nicht wisse, wie die Leute hier reagierten, was sie tun würden, wenn sie "plötzlich einen Teil ihres Lebensinhalts verlieren".

Für den neuen Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke finge der Job dann aber wohl erst richtig an. Schließlich hat er auch reichlich Managementerfahrung im Amateurfußball. Als Spieler hat er es zwar nicht besonders weit gebracht: "Ich war ein bisschen faul", gesteht er. Dafür ist er schon seit zehn Jahren Präsident des Fußballklubs Rot-Weiß Erlinghausen. Zuletzt gab er dort sogar den Teamchef - mit einer beeindruckenden Bilanz. Die Mannschaft holte 80 von 90 möglichen Punkten und stieg sogar in die Verbandsliga auf.

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Quelle: http://www.impulse.de/ftd/artikel.html?artikel_id=706058


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